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umgezogen

nach dem ganzen Desaster hier bin ich nun zu finden unter

http://klemmdirigiert.twoday.net

beste grüße

ek
28.12.05 14:11


mdbk

 



 


Dieses Bild hängt im neu errichteten Museum der bildenden Künste Leipzig - wie die Pinakothek der Moderne in München leider noch unvollendet und insofern architektonisch ein Torso. Es fehlt ein den Kern umgebender Riegel, der die Schatztruhe des Museums einschließen soll.


Im Inneren fasziniert die Idee, Altes mit Neuem zu verbinden. Neo Rauch hängt bspw. im Mittelraum der 3. Etage, drumherum alte Niederländer und Italiener. Eine sympathische Idee und irgendwie typisch für Leipzig.


Sehr starker Eindruck die Klinger-Sammlung inklusive des Beethoven-Monuments und vor allem "Opfer des Faschismus" von Hans Grundig! 2 Tote liegen in Häftlingskleidung im Vordergrund, hinten Zäune und Türme etc. Die Leichen aber von goldener Patina umgeben wie auf einer alten Ikone. Ein ganz starkes Bild. 

13.12.05 01:11


...der Vollständigkeit halber

...sei hier der Text v. H. Pinters Nobelpreisrede, wie sie die taz heute abdruckt, dokumentiert. Wir werden uns gelegentlich daran erinnern müssen, auch wenn sie recht 'antiamerikanisch' daherkommt, wie sicher von vielen Seiten beklagt werden wird.


"Die Verbrechen der USA"



1958 schrieb ich Folgendes:


"Es gibt keine klaren Unterschiede zwischen dem, was wirklich, und dem, was unwirklich ist, genauso wenig wie zwischen dem, was wahr, und dem, was unwahr ist. Etwas ist nicht unbedingt entweder wahr oder unwahr; es kann beides sein, wahr und unwahr."


Ich halte diese Behauptungen immer noch für plausibel und weiterhin gültig für die Erforschung der Wirklichkeit durch die Kunst. Als Autor halte ich mich daran, aber als Bürger kann ich das nicht. Als Bürger muss ich fragen: Was ist wahr? Was ist unwahr?


Die Wahrheit in einem Theaterstück bleibt immer schwer greifbar. Man findet sie niemals völlig, sucht aber zwanghaft danach. Die Suche ist eindeutig der Antrieb unseres Bemühens. Die Suche ist unsere Aufgabe. Meistens stolpert man im Dunkeln über die Wahrheit, kollidiert damit oder erhascht nur einen flüchtigen Blick oder einen Umriss, der der Wahrheit zu entsprechen scheint, oftmals ohne zu merken, dass dies überhaupt geschehen ist. Die echte Wahrheit aber besteht darin, dass sich in der Dramatik niemals so etwas wie die eine Wahrheit finden lässt. Es existieren viele Wahrheiten. Die Wahrheiten widersprechen, reflektieren, ignorieren und verspotten sich, weichen voreinander zurück, sind füreinander blind. Manchmal spürt man, dass man die Wahrheit eines Moments in der Hand hält, dann gleitet sie einem durch die Finger und ist verschwunden.


Es ist ein merkwürdiger Moment, der Moment, in dem man Personen erschafft, die bis dahin nicht existierten. Was dann kommt, vollzieht sich sprunghaft, vage, sogar halluzinatorisch, auch wenn es manchmal einer unaufhaltsamen Lawine gleicht. Der Autor befindet sich in einer eigenartigen Lage. Die Personen empfangen ihn eigentlich nicht mit offenen Armen. Die Personen widersetzen sich ihm. Es ist schwierig, mit ihnen auszukommen, sie zu definieren ist unmöglich. Vorschreiben lassen sie sich schon gar nichts. In gewisser Weise spielt man mit ihnen ein endloses Spiel: Katz und Maus, Blindekuh, Verstecken. Aber schließlich merkt man, dass man es mit Menschen aus Fleisch und Blut zu tun hat, mit Menschen, die einen eigenen Willen und eine individuelle Sensibilität besitzen und aus Bestandteilen bestehen, die man nicht verändern, manipulieren oder verzerren kann.


Die Sprache in der Kunst bleibt also eine äußerst vieldeutige Angelegenheit, Treibsand oder Trampolin, ein gefrorener Teich, auf dem man, der Autor, jederzeit einbrechen könnte.


Aber wie gesagt, die Suche nach der Wahrheit kann nie aufhören. Man kann sie nicht vertagen, sie lässt sich nicht aufschieben. Man muss sich ihr stellen, und zwar hier und jetzt.


Politisches Theater stellt einen vor völlig andersartige Probleme. Moralpredigten gilt es unter allen Umständen zu vermeiden. Objektivität ist unabdingbar. Die Personen müssen frei atmen können. Der Autor darf sie nicht einschränken und einengen, damit sie seinen eigenen Vorlieben, Neigungen und Vorurteilen genügen. Er muss bereit sein, sich ihnen aus den verschiedensten Richtungen zu nähern, unter allen möglichen Blickwinkeln, sie vielleicht gelegentlich zu überrumpeln, ihnen aber trotzdem die Freiheit zu lassen, ihren eigenen Weg zu gehen.


Politische Sprache, so wie Politiker sie gebrauchen, wagt sich auf keines dieser Gebiete, weil die Mehrheit der Politiker, nach den uns vorliegenden Beweisen, an der Wahrheit kein Interesse hat, sondern nur an der Macht und am Erhalt dieser Macht. Damit diese Macht erhalten bleibt, ist es unabdingbar, dass die Menschen unwissend bleiben, dass sie in Unkenntnis der Wahrheit leben, sogar der Wahrheit ihres eigenen Lebens. Es umgibt uns deshalb ein weitverzweigtes Lügengespinst, von dem wir uns nähren.


Wie jeder der hier Anwesenden weiß, lautete die Rechtfertigung für die Invasion in den Irak, Saddam Hussein verfüge über ein hoch gefährliches Arsenal an Massenvernichtungswaffen, von denen einige binnen 45 Minuten abgefeuert werden könnten, mit verheerender Wirkung. Man versicherte uns, dies sei wahr. Es war nicht die Wahrheit. Man erzählte uns, der Irak unterhalte Beziehungen zu al-Qaida und trage Mitverantwortung für die Gräuel in New York am 11. September 2001. Man versicherte uns, dies sei wahr. Es war nicht die Wahrheit.



Die Wahrheit sieht völlig anders aus. Die Wahrheit hat damit zu tun, wie die Vereinigten Staaten ihre Rolle in der Welt auffassen und wie sie sie verkörpern wollen.


Doch bevor ich auf die Gegenwart zurückkomme, möchte ich einen Blick auf die jüngste Vergangenheit werfen; damit meine ich die Außenpolitik der Vereinigten Staaten seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Jeder weiß, was in der Sowjetunion und in ganz Osteuropa während der Nachkriegszeit passierte: die systematische Brutalität, die weit verbreiteten Gräueltaten, die rücksichtslose Unterdrückung eigenständigen Denkens. All dies ist ausführlich dokumentiert und belegt worden.


Aber ich behaupte hier, dass die Verbrechen der USA im selben Zeitraum nur oberflächlich protokolliert, geschweige denn dokumentiert, geschweige denn eingestanden, geschweige denn überhaupt als Verbrechen wahrgenommen worden sind. Ich glaube, dass dies benannt werden muss, und dass die Wahrheit beträchtlichen Einfluss darauf hat, wo die Welt jetzt steht.


Die direkte Invasion in einen souveränen Staat war eigentlich nie die bevorzugte Methode der Vereinigten Staaten. Vorwiegend haben sie den von ihnen so genannten Low Intensity Conflict favorisiert. Low Intensity Conflict bedeutet, dass tausende von Menschen sterben, aber langsamer, als würde man sie auf einen Schlag mit einer Bombe auslöschen. Es bedeutet, dass man das Herz des Landes infiziert, dass man eine bösartige Wucherung in Gang setzt und zuschaut, wie der Faulbrand erblüht. Ist die Bevölkerung unterjocht worden oder totgeprügelt - es läuft auf dasselbe hinaus -, und sitzen die eigenen Freunde, das Militär und die großen Kapitalgesellschaften, bequem am Schalthebel, tritt man vor die Kamera und sagt, die Demokratie habe sich behauptet. Das war in den Jahren, auf die ich mich hier beziehe, gang und gäbe in der Außenpolitik der USA.


Die Tragödie Nicaraguas war ein hoch signifikanter Fall. Die Vereinigten Staaten unterstützten die brutale Somoza-Diktatur in Nicaragua über 40 Jahre. Angeführt von den Sandinisten, stürzte das nicaraguanische Volk 1979 dieses Regime, ein atemberaubender Volksaufstand.


Die Sandinisten waren nicht vollkommen. Auch sie verfügten über eine gewisse Arroganz, und ihre politische Philosophie beinhaltete eine Reihe widersprüchlicher Elemente. Aber sie waren intelligent, einsichtig und zivilisiert. Sie machten sich daran, eine stabile, anständige, pluralistische Gesellschaft zu gründen. Die Todesstrafe wurde abgeschafft. Hunderttausende verarmter Bauern wurden quasi ins Leben zurückgeholt. Über 100.000 Familien erhielten Grundbesitz. Zweitausend Schulen entstanden. Eine äußerst bemerkenswerte Alphabetisierungskampagne verringerte den Anteil der Analphabeten im Land auf unter ein Siebtel. Freies Bildungswesen und kostenlose Gesundheitsfürsorge wurden eingeführt. Die Kindersterblichkeit ging um ein Drittel zurück. Polio wurde ausgerottet.


Die Vereinigten Staaten denunzierten diese Leistungen als marxistisch-leninistische Unterwanderung. Ich erwähnte vorhin das "Lügengespinst", das uns umgibt. Präsident Reagan beschrieb Nicaragua meist als "totalitären Kerker". Die Vereinigten Staaten stürzten schließlich die sandinistische Regierung. Es kostete einige Jahre und beträchtliche Widerstandskraft - doch gnadenlose ökonomische Schikanen und 30.000 Tote untergruben am Ende den Elan des nicaraguanischen Volkes.


Doch diese "Politik" blieb keineswegs auf Mittelamerika beschränkt. Sie wurde in aller Welt betrieben. Sie war endlos. Und es ist, als hätte es sie nie gegeben.


Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs unterstützten die Vereinigten Staaten jede rechtsgerichtete Militärdiktatur auf der Welt, und in vielen Fällen brachten sie sie erst hervor. Ich verweise auf Indonesien, Griechenland, Uruguay, Brasilien, Paraguay, Haiti, die Türkei, die Philippinen, Guatemala, El Salvador und natürlich Chile. Die Schrecken, die Amerika Chile 1973 zufügte, können nie gesühnt und nie verziehen werden.


In diesen Ländern hat es hunderttausende von Toten gegeben. Hat es sie wirklich gegeben? Und sind sie wirklich alle der US-Außenpolitik zuzuschreiben? Die Antwort lautet: Ja, es hat sie gegeben, und sie sind der amerikanischen Außenpolitik zuzuschreiben. Aber davon weiß man natürlich nichts.



Es ist nie passiert. Die Verbrechen der Vereinigten Staaten waren systematisch, konstant, infam, unbarmherzig, aber nur sehr wenige Menschen haben wirklich darüber gesprochen. Das muss man Amerika lassen. Es hat weltweit eine kühl operierende Machtmanipulation betrieben und sich dabei als Streiter für das universelle Gute gebärdet. Ein glänzender, sogar geistreicher, äußerst erfolgreicher Hypnoseakt.


Ich behaupte, die Vereinigten Staaten ziehen die größte Show der Welt ab, ganz ohne Zweifel. Brutal, gleichgültig, verächtlich und skrupellos, aber auch ausgesprochen clever. Als Handlungsreisende stehen sie ziemlich konkurrenzlos da, und ihr Verkaufsschlager heißt Eigenliebe. Ein echter Renner. Man muss nur all die amerikanischen Präsidenten im Fernsehen die Worte sagen hören "das amerikanische Volk", wie zum Beispiel in dem Satz: "Ich sage dem amerikanischen Volk, es ist an der Zeit, zu beten und die Rechte des amerikanischen Volkes zu verteidigen, und ich bitte das amerikanische Volk, den Schritten seines Präsidenten zu vertrauen, die er im Auftrag des amerikanischen Volkes unternehmen wird."


Ein brillanter Trick. Mit Hilfe der Sprache hält man das Denken in Schach. Mit den Worten "das amerikanische Volk" wird ein wirklich luxuriöses Kissen zur Beruhigung gebildet. Das gilt natürlich weder für die 40 Millionen Menschen, die unter der Armutsgrenze leben, noch für die zwei Millionen Männer und Frauen, die in dem riesigen Gulag von Gefängnissen eingesperrt sind, der sich über die Vereinigten Staaten erstreckt.


Den Vereinigten Staaten liegt nichts mehr am Low Intensity Conflict. Sie sehen keine weitere Notwendigkeit, sich Zurückhaltung aufzuerlegen oder gar auf Umwegen ans Ziel zu kommen. Sie legen ihre Karten ganz ungeniert auf den Tisch. Sie scheren sich einen Dreck um die Vereinten Nationen, das Völkerrecht oder kritischen Dissens, den sie als machtlos und irrelevant betrachten.


Was ist aus unserem sittlichen Empfinden geworden? Hatten wir je eines? Was bedeuten diese Worte? Stehen sie für einen heutzutage äußerst selten gebrauchten Begriff - Gewissen? Ein Gewissen nicht nur hinsichtlich unseres eigenen Tuns, sondern auch hinsichtlich unserer gemeinsamen Verantwortung für das Tun anderer? Ist all das tot? Nehmen wir Guantanamo Bay. Hunderte von Menschen sind seit über drei Jahren ohne Anklage in Haft, ohne gesetzliche Vertretung oder ordentlichen Prozess, im Prinzip für immer inhaftiert. Diese absolut rechtswidrige Situation existiert trotz der Genfer Konvention weiter. Die so genannte internationale Gemeinschaft toleriert sie nicht nur, sondern verschwendet auch so gut wie keinen Gedanken daran. Diese kriminelle Ungeheuerlichkeit begeht ein Land, das sich selbst zum "Anführer der freien Welt" erklärt. Denken wir an die Menschen in Guantanamo Bay? Was berichten die Medien über sie? Sie tauchen gelegentlich auf - eine kleine Notiz auf Seite sechs.


Die Invasion in den Irak war ein Banditenakt, ein Akt von unverhohlenem Staatsterrorismus, der die absolute Verachtung des Prinzips von internationalem Recht demonstrierte. Die Invasion war ein willkürlicher Militäreinsatz, ausgelöst durch einen ganzen Berg von Lügen und die üble Manipulation der Medien und somit der Öffentlichkeit; ein Akt zur Konsolidierung der militärischen und ökonomischen Kontrolle Amerikas im Nahen Osten hinter der Maske der Befreiung, letztes Mittel, nachdem alle anderen Rechtfertigungen sich nicht hatten rechtfertigen lassen. Eine beeindruckende Demonstration einer Militärmacht, die für den Tod und die Verstümmelung abertausender Unschuldiger verantwortlich ist.


Wir haben dem irakischen Volk Folter, Splitterbomben, abgereichertes Uran, zahllose, willkürliche Mordtaten, Elend, Erniedrigung und Tod gebracht und nennen es "dem Nahen Osten Freiheit und Demokratie bringen".


Wie viele Menschen muss man töten, bis man sich die Bezeichnung verdient hat, ein Massenmörder und Kriegsverbrecher zu sein? Einhunderttausend? Mehr als genug, würde ich meinen. Deshalb ist es nur gerecht, dass Bush und Blair vor den Internationalen Strafgerichtshof kommen.


Ich sagte vorhin, die Vereinigten Staaten würden ihre Karten jetzt völlig ungeniert auf den Tisch legen. Dem ist genau so. Ihre offiziell verlautbarte Politik definiert sich jetzt als Full Spectrum Dominance. Der Begriff stammt nicht von mir, sondern von ihnen. Full Spectrum Dominance bedeutet die Kontrolle über Land, Meer, Luft und Weltraum sowie alle zugehörigen Ressourcen.


Die Vereinigten Staaten besitzen, über die ganze Welt verteilt, 702 militärische Anlagen in 132 Ländern, mit der rühmlichen Ausnahme Schwedens natürlich. Wir wissen nicht ganz genau, wie sie da hingekommen sind, aber sie sind jedenfalls da.



Abertausende, wenn nicht gar Millionen Menschen in den USA sind nachweislich angewidert, beschämt und erzürnt über das Vorgehen ihrer Regierung, aber so wie die Dinge stehen, stellen sie keine einheitliche politische Macht dar - noch nicht. Doch die Besorgnis, Unsicherheit und Angst, die wir täglich in den Vereinigten Staaten wachsen sehen können, werden aller Wahrscheinlichkeit nach nicht schwinden.


Das Leben eines Schriftstellers ist ein äußerst verletzliches, fast schutzloses Dasein. Darüber muss man keine Tränen vergießen. Der Schriftsteller trifft seine Wahl und hält daran fest. Es stimmt jedoch, dass man allen Winden ausgesetzt ist, und einige sind wirklich eisig. Man ist auf sich allein gestellt, in exponierter Lage. Man findet keine Zuflucht, keine Deckung - es sei denn, man lügt - in diesem Fall hat man sich natürlich selber in Deckung gebracht und ist, so ließe sich argumentieren, Politiker geworden.


Ich glaube, dass den existierenden kolossalen Widrigkeiten zum Trotz die unerschrockene, unbeirrbare, heftige intellektuelle Entschlossenheit, als Bürger die wirkliche Wahrheit unseres Lebens und unserer Gesellschaften zu bestimmen, eine ausschlaggebende Verpflichtung darstellt, die uns allen zufällt.


Wenn sich diese Entschlossenheit nicht in unserer politischen Vision verkörpert, bleiben wir bar jeder Hoffnung, das wiederherzustellen, was wir schon fast verloren haben - die Würde des Menschen.



Übersetzung: Michael Walter
© DIE NOBELPREISSTIFTUNG 2005
10.12.05 14:14


Laudatio

Kommenden Mittwoch wird der ehemalige GMD der Dresdner Staatsoper innerhalb eines Konzertes der Sächsischen Staatskapelle verabschiedet. 2 seiner Schüler (GMD Eckehard Stier aus Görlitz und ich selbst) dirigieren dabei den ersten Teil, Siegfried Kurz selbst das Finale mit Beethovens 1. Sinfonie. Ein Statement: 


 


 "O Wort, du Wort, das mir fehlt!"fficeffice" />


 - eine Laudatio für Siegfried Kurz


warum ausgerechnet dieser Satz aus Schönbergs großartiger Oper beim Nachdenken und Erinnern an die Zeit mit unserem verehrten Lehrer, dem Dirigenten, Komponisten und ehemaligen Dresdner Generalmusikdirektor Professor Siegfried Kurz mir immer wieder einfiel, hat verschiedene Gründe:


 "O Wort, du Wort, das mir fehlt!"


Zunächst endete mit diesem Text einer der nachdrücklichsten Erfolge des damaligen 'Dreamteams' Kurz-Kupfer – wer immer die Aufführung von MOSES UND ARON im Großen Haus erlebt hat, wird sich an die entwaffnend einfache Lösung Kupfers für den brennenden Dornbusch ebenso erinnern wie an die phänomenale Leistung von Reiner Goldberg, Werner Haseleu, von Staatsopernchor und Staatskapelle und eben: Siegfried Kurz am Pult. Ein Meilenstein der Dresdner Staatsoperngeschichte; ich selbst erlebte die Produktion noch als Schüler – nicht ahnend, daß der Mann im Graben wenig später mein Lehrer sein würde.


Uns fehlen die Worte, die Leistungen des Dirigenten Kurz zu würdigen: er war als GMD in Dresden und Berlin über Jahrzehnte ein Garant hervorragender Aufführungen, beherrschte traumwandlerisch das große Repertoire, das er außer den genannten Städten auch u.a. in Leipzig (TRISTAN und ROSENKAVALIER), in Paris (RHEINGOLD), Buenos Aires (ROSENKAVALIER), Bonn (WOZZECK, PARSIFAL, DER FEURIGE ENGEL), Genf (WOZZECK), in Japan, den USA und anderswo dirigierte. Mit den schon erwähnten Opern MOSES UND ARON sowie WOZZECK, mit dem LUKULLUS oder LANZELOT von Paul Dessau oder der ANTIGONE von Orff war er auch stets ein Anwalt des Ungewohnten und Modernen.


Wir geben zu: oft genug ein unbequemer Anwalt! Musikerinnen und Musiker fürchteten seinen in gediegenem Sächsisch vorgetragenen Zorn ebenso, wie Sängerinnen und Sänger schon in der Pause damit rechnen mußten, ins Zimmer des GMD gebeten zu werden... Die so Kritisierten schwärmen heute fast alle und ausnahmslos von der Gründlichkeit, der Genauigkeit und dem Furor, der hinter allem Ärger stand. Es ging Kurz stets um die Sache.


Und diese wurde bei ihm – o Wort, das mir an dieser Stelle ganz besonders fehlt – diese Sache wurde bei ihm ganz musikantisch, erdig verwurzelt, geradeaus angegangen. Seine MEISTERSINGER oder sein FALSTAFF, sein LOHENGRIN oder TANNHÄUSER waren auch in der Repertoirevorstellung lupenrein. Sauberes Handwerk prägte sein Dirigieren, detaillierteste Partiturkenntnis sein Arbeiten, lebendiges Musizieren seinen Stil. Und noch heute erinnern sich viele Sängerinnen und Sänger der wundervollen Führung durch die Hand des in den Proben so ungnädigen Dirigenten...


1979 wurde ich sein erster Schüler. Die erste Stunde verging mit den einleitenden 8 Takten der Freischützouvertüre – und auch danach nahm das Arbeitstempo keineswegs deutlich zu. Es fehlen die Worte, diesen Weg nachzuzeichnen und Siegfried Kurz mögen beim Beschreiben des Phänomens Dirigieren bisweilen jene des Erklärens gefehlt haben: es war ein wundervoller –  in meinem persönlichen Fall übrigens auch ein teilweise recht heiterer –  Weg, der mich immerhin instand setzte, nach 4 Studienjahren erfolgreich mit dem FREISCHÜTZ in Altenburg vorzudirigieren. Natürlich ohne Orchesterprobe und im Übrigen in einer Inszenierung von Peter Konwitschny. Genau dieses Handwerk wußte Siegfried Kurz ohne viel Worte zu vermitteln: wir lernten durch seine nimmermüde Kritik, durch Zuschauen, sicher auch durch Nachahmen. Wir, das sind u.a. Eckehard Stier, zunächst Kapellmeister in Chemnitz, jetzt GMD in Görlitz und mittlerweile gefragter Gastdirigent; Michael Güttler, zuletzt Chefdirigent in Klagenfurt, Gastdirigent in Italien, Amerika und in St. Petersburg; Hans Christoph Rademann, Professor in Dresden, zuletzt Chordirektor beim NDR in Hamburg und international erfolgreicher Chorleiter; Gerd Herklotz, Kapellmeister u.a. in Bautzen, Halberstadt, Zwickau und am Theater Vorpommern, Maja Sequiera, Leiterin der Singakademie Chemnitz und des Universitätschors Dresden... – und viele andere mehr. Mit Fassung ertrugen wir seinen ätzenden Spott über unser 'Geschwuppe' – damit war das ungebührliche Nachfedern bei der Zählzeit Eins gemeint; mit weichen Knien sahen wir seinen Fragen vor versammeltem Orchester entgegen, was an einer bestimmten Stelle wichtig wäre. Ratlos stand man da z.B. nach getaner und einigermaßen gut gegangener FLEDERMAUS-Ouvertüre, um nun erneut im Boden zu versinken. Was kann denn am Ende dieses Stückes so furchtbar wichtig sein? "Daß das kein Triangel-Konzert wird!" – aha.


"O Wort, du Wort, das mir fehlt"... – nicht zuletzt könnte das ein passender Wahlspruch für einen Komponisten sein. Zumal für einen, der wegen seiner Dirigenten- und Lehrtätigkeit, aber auch wegen seiner Probleme mit den Strömungen neuerer Musik als Tondichter in den letzten Jahren verstummte. Er verfolgte sie zwar wach, stand ihnen aber zunehmend kritisch gegenüber. Sein als junger Mann mit Schwung hingeworfenes Trompetenkonzert gehörte seinerzeit sogar zum Schulstoff: ein noch heute interessantes Dokument lebendigen, durchaus modernen Komponierens aus den 50-er Jahren, voller Musizierlust und dennoch auch unbequemer Dissonanzen oder Taktwechsel – damals wahrlich keine Selbstverständlichkeit diesseits der noch nicht errichteten Mauer. Bedeutende Stücke kamen später hinzu, stets geprägt vom direkten Kontakt zu den Interpreten: das Hornkonzert für Peter Damm etwa, 2 Sinfonien, ein Klavierkonzert, Kammermusik und sogar ein Musical.


Wir alle sagen Dank: für ungezählte musikalische Erlebnisse unter seiner Stabführung, für eine unvergeßliche Zeit des Lernens und für schöpferische Anregung aus seiner Feder. "O Wort, du Wort, das mir fehlt":


Vielen Dank – Siegfried Kurz!


 


 

6.12.05 00:20


Germany and CIA

 "Deutschland, so sieht es aus, nimmt teil am american way der Terrorbekämpfung" - so schreibt Heribert Prantl in einem Kommentar der Süddeutschen, der immernoch einigermaßen fassungslos und staunend klingt. Hat daran jemand eigentlich ernstlich gezweifelt? Hat jemand wirklich gedacht, nach Schröders Anti-Irak-Krieg-Statement, nach Merkels Amerika-Besuch und Pro-Rumsfeld-Kurs, nach dem Weichklopfen der Schröder Truppe, so könne man nicht mit Amerika umgehen - nach all diesen kleinen und großen Sticheleien und Verwerfungen hätten Schily&co. allen Ernstes Kraft und Muße, das erbetene Stillschweigen zu brechen? Das ist ja nun wirklich Traumtänzerei - wenn auch auf Kosten eines Unschuldigen Gefangenen, insofern keineswegs zu dulden. Aber derlei Vorkommnisse nunmehr staunend aufzudecken - Gott, wie infantil. Sorry. So naiv kann ja wohl niemand sein.


Im Übrigen hat doch der american way in jeglicher Form uns längst durchdrungen. Schauen wir uns doch nur die Filme an, die Verflachung und Kommerzialisierung alles Künstlerischen, die Infantilisierung aller Botschaften á la "Du schaffst es", "Glaub an Dich", die Profanisierung der Psychologie usw. usf. - nein wir sind längst ein Teil diesr Entwicklung. Wie bewußt oder unbewußt auch immer. Nicht zuletzt deshalb verschuf und verschafft mir Merkels Pro-Amerika-Kurs Bauchschmerzen. Aber du liebe Güte, ist das alte Europa so viel besser mit seinen Eliten und seiner entweder avnatgardistisch am Publikum vorbeigehenden oder rein restaurativen Tendenz? Ein ordentlicher Julia-Roberts-Schinken geht ans Herz, ein arte-Drama erkennt man schon an der Lagsamkeit, mit der zwei Leute im Bett einander nähern, bevor sie dann feststellt, daß sie heute nicht mag. Betroffenheit, ausgestellte Melancholie - ganz wie die Medien nach den "Enthüllungen" der letzten Tage. Wer solche Schweinereien nicht erwartet hat, muß mit Blindheit geschlagen sein.

6.12.05 00:14


Bach in Armenien

 


...die Sängerin Anna Mayilian - innerhalb eines Programmes mit Bach, Terterian und Sharakans aus Armenien am 27.11. in Dresden zu erleben, gemeinsam mit dem Bariton Olaf Bär, Daniela Haase (Sopran) und dem jungen Tenor Erik Stocklosa sowie der Singakademie Dresden und der Sinfonietta Dresden. Hier eine Konzerteinführung:


Sehr geehrte Hörerinnen und Hörer,


BACH in ARMENIEN – was für eine wundersame Überschrift; und warum dieser seltsame Kontrast zweier völlig konträrer Kulturen?


Um den tieferen Sinn unseres heutigen Programmes zu erspüren, hörend zu ertasten – verstehen kann man das sicher nur intuitiv, wie auch ich nur intuitiv auf diesen Gedanken gekommen bin – möchte ich Ihnen etwas über meine Erfahrungen mit einem der ärmsten Länder im unmittelbar noch europäisch zu nennenden Einflußkreis erzählen.


Über das Theater in Halle kam ich 1985 auf die Spur des armenischen Komponisten Avet Terterian, dessen Oper DAS BEBEN (nach Kleists 'Erdbeben in Chili') ich uraufführen sollte – eine Aufgabe, der ich erst 2003 an ganz anderem Ort, nämlich in München, nachkommen konnte. Damals aber reiste ich an den Fuß des heiligen Berges Ararat – die Arche Noah soll, so meldet es der Bericht über die Sintflut, dort nach dem großen Wasser niedergegangen sein. Zu Füßen des Berges liegt die Hauptstadt Jerewan, der Ararat selbst steht in der Türkei und ist für die Armenier seit den Ereignissen von 1915 unerreichbar: eine blutende Wunde des ohnehin noch lange nicht geheilten Verhältnisses zwischen beiden Ländern. Erst in letzter Zeit geriet der Genozid am armenischen Volk wieder verstärkt in die Medien.


Mit Avet Terterian gemeinsam fuhr ich in die nördlicheren Bergregionen des Sewan-Sees, wo der Komponist seine faszinierenden Klangskulpturen entwarf. Gegen Ende des Besuches aber lernte ich auch das Heiligtum Etschmiadsin (Sitz des Katholikos der Armenier), das Höhlenkloster Geghard und andere beeindruckende Zeugnisse der langen christlichen Kultur des Landes kennen. Armenien war das erste Land, in dem das Christentum Staatsreligion wurde.


Von allem war ich fasziniert und begeistert.


1988 erlebte Armenien ein grausames Erdbeben, wenig später begannen die kriegerischen Auseinandersetzungen um die Enklave Berg-Karabach. Von beiden ist Armenien bis heute gekennzeichnet: ein Land, das beinahe einzig per Flieger zu erreichen ist, denn die einzige momentan funktionstüchtige Landstraße führt ausgerechnet in den Iran... Und beide Katastrophen hat der Komponist Avet Terterian künstlerisch thematisiert, bevor sie überhaupt stattfanden.


Über die armenische Musik schreibt der Musikwissenschaftler Michail Kokschajew (Professor für Musiktheorie und Komposition in Jerewan): fficeffice" />


Armenien, das sich an der Grenze von Orient und Okzident befindet, ist unvermeidlicherweise zur Verbindungsachse zweier ihrem Wesen nach unterschiedlicher Kulturen geworden. In diesem Kontext kommt der armenischen Kunst eine besondere Bedeutung zu, denn ihr sind die Betrachtungsweise der orientalischen Ästhetik und der strenge Aufbau in den Schöpfungen der westlichen Zivilisation, bei der die Gesetzmäßigkeiten der auf Ursache und Folge basierenden Logik eine vorrangige Bedeutung haben, gleichermaßen vertraut.

Trotzdem muss man die Kulturen des Ostens und des Westens nicht als insgesamt gegensätzlich betrachten, denn beide haben gemeinsame ethische Werte. Die Sinngebung für das Gute und das Böse, das Schöne und das Hässliche, das Lyrische und das Epische ist überall auf der Welt gleich. Lediglich die künstlerischen Werte werden unterschiedlich begriffen. Die Kunst des Orients ist subjektiv, abstrakt, hedonistisch orientiert, nimmt die Welt so an wie sie ist; sie ist nicht bestrebt, die Welt zu verbessern.

Die ästhetischen Werte Europas sind ihrem Wesen nach rational, sie haben nicht nur jedes einzelne Individuum im Blickfeld, sondern die ganze Gesellschaft. Die europäische Kunst ist schöpferisch und gnostisch zugleich. Sie strebt nicht nur die künstlerische Harmonie an, sie schafft darüber hinaus jenen Raum, in dem sie existiert.


 


"Subjektiv, abstrakt" kontra "schöpferisch, gnostisch" – das mag als erster Ansatzpunkt für die Idee, Bach in armenische Musik zu betten, zunächst genügen.Aber auch der Kontrast innerhalb der armenischen Musik selbst, zwischen den alten Sharakans und dem modernen Werk des 1994 verstorbenen Terterian ist höchst aufregend.


Was sind Sharakans? Es sind musikalische Zeugnisse alter christlichen Kultur, einstimmige Gesänge, die im 19. Jahrhundert und zu Beginn des 20. vor allem von Soghomon Soghomonian, bekannter als Katholikos Komitas (nach ihm benennt sich noch heute das Konservatorium in Jerewan) neu entziffert, aufgeschrieben, wiederentdeckt, gesammelt und veröffentlicht wurden.


Sharakan ist ursprünglich ein Hymnarium, eine Sammlung liturgischer Hymnen, gesitlicher Lieder und Oden, die vorrangig in Klöstern entstanden, zunächst mündlich und später (etwa ab dem 12./13. Jahrhundert) auch in Handschriften überliefert wurden.
Die ältesten Stücke armenischer Kirchenmusik gehen zurück auf den Erfinder der armenischen Schrift: Mesrop Mashtots. Nach der offiziellen Bekehrung des armenischen Königreiches zum Christentum unter König Tiridates III. um 301 stand das armenische Christentum unter starkem persischen Einfluß. Im 6. Jahrhundert trennte sich die armenische Kirche von der orthodoxen Linie und wurde mehr und mehr von der Liturgie aus Jerusalem geprägt.
Neben Mesrop Mashtots war Sahak Partev einer der wichtigsten Sharakanakirs. Andere verschweigen sogar ihre Namen, um das Himmlische nicht ins Irdische hinabzuziehen. Die meisten Komponisten – Movses Khorenatsi, Stephanos Syunetsi, Hovhan Mandakuni, Khomitas Aghtsetsi, Anania Shirakatsi und andere - waren Wissenschaftler, Philosophen, Poeten und Historiker. Die Lieder Grigor Narekatsis aus dem 10. Jh. zeugen von einer Zeit des Friedens. Im 12. Jahrhundert schreibt der bedeutende Sharakanakir Hovhannes Imastaser: "Die Natur ist vollkommen, der Mensch sündig und unvollkommen. Wir können nicht vollkommen sein wie die Natur, aber wir dürfen auch nicht aufhören, danach zu trachten". Im 12. Jahrhundert entstand auch einer der berühmtesten Gesänge "Licht, Schöpfer des Lichts" von Nerses Shnorhali, der noch heute in zahlreichen Kirchen zur Morgenstunde erklingt.


Die Kunst der Sharakans reichte etwa vom 5. bis ins 15. Jahrhundert. Wir erleben sie als eine archaische, reine Kunst voller Schönheit und Wahrheit.
Insofern paßt sie hervorragend zu Johann Sebastian Bach, zu dem an dieser Stelle nichts gesagt werden muß – außer vielleicht, daß uns seine Musik und gerade das Weihnachtsoratorium nur allzu bekannt und vertraut ist. Läßt sich Bach noch so erleben, als wenn wir ihn zum ersten Mal hören würden, am Tag der Uraufführung? Nein, das ist unmöglich – aber die alten Gesänge Armeniens im Kontrast zu Bachs Chorälen etwa führen auf absonderliche Weise die Musik zurück zu ihrem Ursprung: zu den Geschehnissen in Bethlehem vor 2000 Jahren.


Und diese Geschehnisse sollten wir nicht verklären und durch das jährliche Ritual des Erlebnisses der Musik Bachs in ein allzu warmes Bild entgleiten lassen: im Stall von Bethlehem war es biiter kalt. Werfen wir also den Blick tatsächlich zu den Widersprüchen unserer gerade an Weihnachten so heil sein wollenden Welt. Unterbrechen wir Bach an einigen Stellen und horchen hinab in die Tiefe christlicher Musik. Unterbrechen wir Bach in der Mitte und lauschen ausnahmsweise nicht der wundervollen Pastorale (sie erklang im letzten Jahr), sondern der 6. Sinfonie des modernen Komponisten Avet Terterian.


Im Zentrum dieser sehr meditativen Komposition gibt es eine Chorpassage, die sich ganz ähnlich auch in der Oper DAS BEBEN findet: der Chor singt dabei keinen Text, sondern armenische Buchstaben. Diese Art von Reduktion ist für den Komponisten überaus typisch. Aber die sehr religiös wirkende Musik hat einen Abgrund, der sich durch die Kenntnis der Oper erst erschließt: dort hat ein Erdbeben – also die Natur – zwei Menschen, denen eine Todsünde vorgeworfen wird, vor dem Tod durch Menschenhand bewahrt. Nachdem das Chaos wieder der Ordnung weicht, wird in einer Kathedrale ein Gottesdienst zelebriert, zu dem auch die beiden Unglücklichen gehen. Sie werden erkannt, als Ursache der Katastrophe gebrandmarkt und gelyncht.
Die Musik dieser Messe ist identisch mit der Chorpassage in der 6. Sinfonie. Die Katastrophen der Natur im Verhältnis zu den Katastrophen durch Menschenhand waren Terterians Hauptthema. Sie durchziehen seine Sinfonien wie ein Leitfaden, um in der 7. und eben in der Oper DAS BEBEN im direkten Tobandeinspiel eines Erdbebens zu kulminieren. Diese Werke entstanden aber vor dem verhehrenden Erdbeben in Armenien im Jahr 1988. In der 7. Sinfonie findet der Komposition zurück zu einer fragilen Ruhe; ebenso läßt auch der Schluß der 6. – nach der Chorpassage – keine weiteren Anzeichen von Katastrophen erkennen. Das passiert erst in der Oper, wo nach der erwähnten Messe die Eskalation der Gewalt musikalisiert wird. Danach wäscht das Geräusch von Regen, also die vollkommene Natur, die Sünden der Menschen weg.


Es kann kaum einen größeren Kontrast zum Bachschen Jubel geben als die wenigen Töne Avet Terterians und der alten Hymnen aus dem Sharakan, die auch ihn inspiriert haben.


Eine alte armenische Legende erzählt von einem Mann, der auf einem Cello wochenlang nur einen Ton spielt. Seine Frau hört sich das geduldig an, ehe sie eines Tages – wie man glauben darf, in sehr sanftem Ton – fragt: "Mann, ich habe bemerkt, daß andere auf diesem Instrument auf mehreren Seiten mehrere Töne spielen, warum spielst du nur immer den einen?" Die Antwort: "Sie suchen noch den richtigen Ton – ich habe ihn schon gefunden!"


Die alten Sharakanakirs, Bach und Avet Terterian – sie alle haben den richtigen Ton gefunden. Ich wünsche Ihnen allen in diesem Sinne ein intensives, erfülltes Konzerterlebnis!


 


Mehr Informationen unterwww.singakademie-dresden.de

22.11.05 00:39


...zu viel zu tun...

deshalb hier nur ein wenig Reklame in eigener Sache:


Die Dresdner Neuesten Nachrichten vermerkten am 8.11.05 über unser Konzert mit Szymanowskis STABAT MATER und Janaceks GLAGOLITISCHER MESSE:


In Karol Szymanowskis musikalischem Gestus erkennt man so manchen Einfluss wieder - französische Impressionisten, auch Strauss, vor allem aber slawische Elemente. Sein "Stabat mater" wirkt gleichermaßen streng wie leidenschaftlich, direkt im Ausdruck. Die Kontraste brechen mit aller Gewalt über die Beteiligten und das Publikum herein, erschütternd und hoch brisant. Ekkehard Klemm versteht auch, Kontraste auszureizen. Mit schmerzlichem Ausdruck und berührender Innigkeit breitete sich der erste Teil aus (zart intonierend der Frauenchor in sensibler Partnerschaft mit dem Sopran Antje Kahns). Der markante Bariton Henryk Böhms - voller Kraft und einer unendlichen Steigerungsfähigkeit bis hin zur Emphase - war ideal für diesen Szymanowski ("Quis est homo"). Der satte, wunderbar timbrierte Alt Sofi Lorentzens und ihr sehr individueller Gestaltungswillen nahmen sofort für sich ein. Der Chor sang seinen Part ganz souverän, vielschichtig und gestaltungsintensiv, aus sicherer Werkkenntnis heraus.


Das andere Stück des Abends war die "Glagolitische Messe" von Leos Janacek - ein eigenwilliges Stück Kirchenmusik, die auch von vornherein nicht für den liturgischen Gebrauch gedacht war. Zwei Jahre vor seinem Tod entstanden, zeugt die Messe von einem unorthodoxen Gottesglauben ihres Schöpfers. Der Text ist - auch wenn er dem üblichen Messeverlauf folgt - nicht lateinisch, sondern tschechisch, bunt und vielgestaltig die Orchesterbesetzung (Harfen, Celesta, Schlagwerk, Orgel). Dass die Messe von emotionsgeladenen Instrumentalteilen, komplettiert von einem virtuosen Orgelsolo, eingeschlossen wird, gehört ebenso zur besonderen Aura des Werkes. Das Orchester der Landesbühnen Sachsen und der Organist Matthias Süß machten sich die unkonventionelle, frische Tonsprache Janaceks mit aller notwendigen Präzision und Hingabe zu eigen - eine feine Leistung. Die Singakademie gab alles, bot eine plastische Wiedergabe, üppig in den Farben, im Wesentlichen mit einem ausgewogenen, leistungsfähigen Klangbild. Die Solisten (es kam noch der kraftvolle Tenor Kay Frenzels hinzu) fügten sich nahtvoll in diese faszinierende, in sich geschlossene Interpretation ein.


(wobei korrigiert werden muß: der Text ist altslawisch, nicht tschechisch)


Die Sächsische Zeitung am gleichen Tag:


Fast 80 Jahre alt sind die beiden Werke, die am Sonntag in der nur spärlich gefüllten Dresdner Kreuzkirche erklangen. Sollte das Programm mit Karol Szymanowskis wenig gespieltem „Stabat Mater“ und Leos Janaceks „Glagolitischer Messe“ ein größeres Pub likum abgeschreckt haben? Tatsächlich ragen die Konzerte der Singakademie Dresden durch ihre ambitionierte Werkauswahl aus dem Dresdner Kirchenmusikleben heraus. Hier verbinden sich vorzügliche künstlerische Qualität und der Mut zum Ungewohnten.

Die Singakademie hat in den zwei Jahren, seit Ekkehard Klemm ihr Leiter ist, deutlich an Kontur gewonnen. Die Innenspannung der beiden vielschichtigen Werke, ihre raffinierte Architektur und den emotionalen Fluss der Musik, halten Klemm und sein Chor mit großer Konzentration und Intensität aufrecht. Man riskiert in der großhalligen Akustik des Raumes die feinen Abstufungen, kostet die irrlichternden Klangfarben aus, bewältigt souverän die verschachtelte Rhythmik und kommt Szymanowskis Wunsch, das „geheimnisvolle Leben der Seele“ zum Klingen zu bringen, beachtlich nahe. Mit reinem Klang ist man an der Grenze des für einen Laienchor technisch Machbaren – und überzeugt. Das Orchester der Landesbühnen Sachsen widmet sich ebenso engagiert und kompetent den anspruchsvollen Partituren und muss nur in den Fortestellen vor der Kirchenakustik kapitulieren.

Ein adäquates Solistenquartett vervollständigt die intensive Umsetzung: Antje Kahn bewältigt ihre heiklen Soli mit kindlich-klarem Sopran, Kai Frenzel gefällt mit durchdringendem, schwingungsreichem Tenor, Henryk Böhm mit rauhem, gut projizierendem Bassbariton; nur Sofi Lorentzens Alt bleibt schüchtern im Hintergrund.


Das nächste Konzert nun bringt die Begegnung Bachs mit Armenien. Mehr unter www.singakademie-dresden.de.


Kommenden Mittwoch - 16.11.05 - erklingt in der Semperoper mit dem Hochschulsinfonieorchester ein Konzert mit Brahms Haydn-Variationen, Hindemith Konzert für Orchester op.38, M. Weiss Ahnung der Liebe (ein Liederzyklus) sowie die Weber-Metarmophosen von Hindemith. Das ganze im Zusammenhang mit einer zugleich stattfindenden Konferenz zum Thema Kunst - Handwerk - Kunst: Hindemith und die Musik in der DDR. 

13.11.05 15:33


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