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SPD

Also eine Katastrophe kann ich in den heutigen Vorgängen nicht
erkennen. Münti in Ehren - aber was wäre denn so schlimm, wenn die
Herrenriege Schröder, Münti, Clement, Scholz, Benneter, Stiegler und
wie diverse farbenfrohe oder farblose Gestalten noch alle heißen, bei
dieser Gelegenheit durch frische Köpfe ersetzt würden? Platzeck, Voigt,
Nahles... wer weiß, wo da noch überall Talente schlummern. Stoiber
bleibt vielleicht in Bayern - also wirklich, eine Katastrophe ist das
alles nicht. Es haben 23 Leute in geheimer Abstimmung einfach für die
ihrer Meinung nach bessere Kandidatin gestimmt. So zu tun, als ob
Nahles nun am Desaster der SPD schuld ist - da müßten einige mal
gründlich in den Sozialkundeunterricht gehen. Oder wo lernt man das
heute? Die SPD eine Chaos-Truppe wie weiland die Grünen? Von mir aus.
Wo gestritten wird, wird gelebt. Stillstand ist genug im Lande.

1.11.05 00:26


Orchester der Zukunft

 Aus dem TAGESSPIEGEL von heute (Autor: Frederik Hanssen):

"Lautlos - soweit man das bei einem Sinfonieorchester sagen kann - hat sich in den letzten Jahren ein Generationswechsel vollzogen. Längst ist bei den abendlichen Auftritten der Philharmoniker der Altersdurchschnitt auf dem Podium deutlich niedriger als im Saal. Junge, bestens ausgebildete, hochmotivierte Spezialisten sitzen da, die ganz selbstverständlich alle musikalischen Sprachen sprechen. So duftig und dabei gleichzeitig von bestechender intellektueller Eleganz dürfte beispielsweise Claude Debussy seine Musik zu Lebzeiten nie gehört haben. Selten sind die Auftritte der alten Pultstars a la Maazel und Muti geworden; auch ohne die programmatisch eingreifende Hand eines Intendanten haben die Philharmoniker sich vor allem solche Maestri eingeladen, die sie ästhetisch herausfordern. Ob Raritäten des Repertoires, Neue Musik oder historische Aufführungspraxis, die Neugier kennt keine Grenzen."


Das wäre so das ideale Profil, dem unsere Ausbildung entsprechen müßte. Gleichzeitig ein Profil für die Auseinandersetzung und auch den Genuß von und mit Kunst und Musik: Neugier, Offenheit, Diskurs, "intellektuelle Eleganz", ästhetisch sich herausfordern lassen...


Innovation statt Restauration - ein Stichwort, das gestern in der allgemeinen Frauenkircheneuphorie tief in der Nacht fiel. Darauf wäre zu achten: restaurieren allein ist nicht genug. Die Inhalte müssen innovativ und kreativ sein. Bei aller Freude über den Wiederaufbau sei diese Fußnote nicht vergessen.

31.10.05 16:51


Rachmaninow

...als Pianist ist eine Sensation.


In der Dresdner Musikhochschule bereiten wir (das von mir geleitete Hochschulsinfonieorchester) z.Zt. die Semifinali und das Finale des Anton-Rubinstein-Wettbewerbs vor, der in Dresden stattfindet. Kommenden Donnerstag und Freitag erklingen (im Hygienemuseum) dabei Rachmaninows 2. und 3. Klavierkonzert, das 3. von Beethoven und das seltener gespielte C-dur-Konzert KV 503 von Mozart. Dabei wird das Finale ermittelt, das dann am Samstag in der Semperoper stattfindet.


In diesem Zusammenhang hörte ich nun nochmal in die Aufnahmen mit dem Komponisten am Klavier hinein (Philadelphia-Orchestra, Stokowski bzw. Ormandy): Rachmaninow am Klavier ist phänomenal! Nicht wegen der stupenden Virtuosität - nein sensationell sind die rhythmische Kraft und Stringenz, die gestalterische Klarheit und Schlichtheit, das inspirierende Drängen seines Spiels. Nie wird er sentimental oder kitschig. Es ist unklar, wie in der öffentlichen Wahrnehmung aus diesem Furor des Spielens der Eindruck des sentimentalen Salonlöwen werden konnte. Haben Generationen von Pianisten an diesem einzigartigen Dokument vorbeimusiziert?


Im November gibt es dann ein Programm begleitend zu einem Hindemith-Symposium: Brahms Haydn-Variationen, Hindemith Weber-Metarmophosen als Eckpfeiler. In der Mitte ein Liederzyklus des Dresdner Komponisten Manfred Weiss (zum 70. Geburtstag) und das ganz selten zu hörende Konzert für Orchester op. 38 von Hindemith.


Man sieht: das Semester hat begonnen... 

15.10.05 19:46


Türkei - Armenien

"Hrant Dinks großes Thema ist die Zukunft der armenischen und christlichen Minderheiten in einer weltoffenen und säkularen Türkei, die zu Europa gehört. Er will nach vorn blicken, will nicht, dass die Vergangenheit den Weg in die Zukunft versperrt. So setzt er darauf, dass die Bewältigung der Vergangenheit mit zunehmender Demokratie und Meinungsfreiheit ganz von selbst auf die Tagesordnung kommt. All denen, die die Anerkennung des Völkermordes an den Armeniern als Vorbedingung für eine EU-Mitgliedschaft der Türkei fordern, hält er vor, dass sie das Spiel der reaktionären Kräfte in der Türkei mitspielen. Denn die wünschen doch ebenfalls nichts sehnlicher, als ein Ende des türkischen EU-Kurses. Auch daher gehört für ihn die Aussöhnung mit Armenien zum Gebot der Stunde. Deshalb streitet er für die Öffnung der Grenze zwischen der Türkei und Armenien."


Der grüne Bundestagsabgeordnete Cem Özdemir hat für SPIEGEL-online einen interessanten Artikel geschrieben, der HIER zur Gänze zu lesen ist. Ich weiß, daß viele Armenier Probleme damit haben, wenn von ihnen umstandslos verlangt wird, nach vorn zu schauen. Dennoch: wenigstens scheint Bewegung in die Dinge zu kommen. Immerhin ein Hoffnungszeichen.

12.10.05 11:47


3-fach Hoch

Ein mehrfaches Hoch:



1. auf die segensreiche Erfindung der LEITPLANKE, die ggf. ein
strauchelndes Automobil mehr oder weniger sanft von links nach rechts
befördert;

2. auf die Firma VW, die sogar einen ekelhaften und ständig
störanfälligen gelben Post-Polo noch so ausstattet, daß die
"Fahrgastzelle" (merke: im Auto sind wir nur Gäste!!)  nach einem
solchen Crash halbwegs unversehrt bleibt;

3. auf die deutschen Autofahrer, die zumindest an diesem feierlichen
3.10. so viel Abstand hielten, daß uns niemand draufbrummte;

4. auf freundliche Helferinnen und Helfer aus Autofahrern,
Feuerwehrleuten, Sanitätern, Polizisten, Krankenhauspersonal - allesamt
gut geschult, freundlich, beruhigend, deeskalierend; ohne Witz: eine
sensationelle Erfahrung!!!

5. auf einen superfreundlichen Abschleppdienst aus Hirschfeld bei
Zwickau, der sich den Abend mit seiner Freundin bestimmt schöner
vorgestellt hatte (sie rief zwischenzeitlich an)

6. auf ein superschönes und superfreundliches Krankenhaus in Lichtenstein bei Zwickau;

7. auf den lieben Gott, der seine Schutzengel über uns versammelt hatte: Auto hinüber, Menschen alle okay



Danke

6.10.05 00:34


Türkei und EU


"Zweimal sind wir vor den Toren Wiens umgekehrt. Jetzt betreten wir Europa auf dem Weg des Friedens und der Zusammenarbeit." (die türkische Zeitung "Hyrriyet")

Da haben sich nun das Alpenländle und hinter den Kulissen Herr Stoiber und Frau Merkel doch noch verrechnet. Der Kommentar aus Istanbul ist hoffentlich ernst zu nehmen.


"Es ist der Versuch, dem scheinbar unaufhaltsam fortschreitenden Kampf der Kulturen, der andauernden Abwärtsspirale von Terror und Krieg, einen Dialog der Kulturen entgegenzusetzen. Nicht im unverbindlichen Geplauder einer Tagung über Völkerverständigung, sondern einen Dialog mit dem Ziel einer echten, ökonomisch und politisch verbindlichen Zusammenarbeit mit einem überwiegend muslimisch geprägten Land."


So heißt es im SPIEGEL weiter. Ich messe diesem Dialog die allergrößte Bedeutung bei. Als alter und aktiver Armenienfreund könnte ich ebenso auf der Antifront stehen: ich tue es nicht, weil eben jenes miteinander-Reden und die Integration bisher die besten Ergebnisse in der Welt- und Religionsgeschichte gebracht haben. Siehe Brandt, Gorbatschow, Mandela oder erst kürzlich Ratzinger/Küng. So und nur so kann es vorwärts gehen, davon bin ich überzeugt. Küngs Projekt Weltethos könnte kurz nach dem Dialog mit dem Papst keine bessere Beglaubigung erhalten als das erstmalig Gelingen eines solchen interkulturellen und interreligiösen Dialogs mit politischer Dimension von allerhöchster Dringlichkeit. Und auch und gerade das Armenien-Problem wird nur im Dialog zu lösen sein - hier muß die Türkei sich gewiß völlig umstellen, da sie meines Wissens die Dialogbereitschaft vor allem von Jerewan fordert.


Dennoch und trotz allen Konfliktpotentials: der hier beschrittene Weg läßt hoffen.  

4.10.05 21:44


Macht der Worte?

"In der DDR haben die Worte die Zahlen verdeckt, daran ist das ganze östliche System zu Grunde gegangen. Im Herbst 1989 erreichte die Bedeutung der Worte ihren Höhepunkt, denken Sie an die Parolen von Leipzig. Man rief etwas, und es geschah, die Welt stürzte ein. Das bekam dann eine Beschleunigung, dass man mit dem Reden gar nicht mehr nachkam. Und plötzlich war Schluss. Plötzlich gab es die D-Mark. Von da an war es egal, was gesagt wurde, jetzt mussten sich die Sachen rechnen."


So drückt es Ingo Schulze aus in einem Interview mit der SZ, offenbar nicht im Net.


Ich weiß nicht, ob es allein die Worte waren: es waren Ideologien und auch nur schlicht Ideen. Und das Merkwürdige: auch die oppositionelle Seite fuhr diese Linie, weshalb es wahrscheinlich noch heute Leute wie Werner Schulz gibt, die nach wie vor an Macht der Idee einer sauberen Demokratie glauben und sie versuchen einzuklagen. Die Ablehnung des Kommerzes als Macht der Zahlen ist im Osten mit Händen zu greifen, im Alltag wie auch und gerade in der Kunst.


Übrigens haben sich die Wege von mir und Ingo Schulze einmal kurz gestreift: wir sind uns am Landestheater Altenburg begegnet. Er kam als junger Hospitant (Praktikant? Assistent? oder Dramaturg?) und ich ging gerade nach Greifswald. Interessant, wenn man ihn nun aus der SZ und seinen Romanen sprechen hört. Respekt, Ingo!

1.10.05 12:49


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