
...die Sängerin Anna Mayilian - innerhalb eines Programmes mit Bach, Terterian und Sharakans aus Armenien am 27.11. in Dresden zu erleben, gemeinsam mit dem Bariton Olaf Bär, Daniela Haase (Sopran) und dem jungen Tenor Erik Stocklosa sowie der Singakademie Dresden und der Sinfonietta Dresden. Hier eine Konzerteinführung:
Sehr geehrte Hörerinnen und Hörer,
BACH in ARMENIEN – was für eine wundersame Überschrift; und warum dieser seltsame Kontrast zweier völlig konträrer Kulturen?
Um den tieferen Sinn unseres heutigen Programmes zu erspüren, hörend zu ertasten – verstehen kann man das sicher nur intuitiv, wie auch ich nur intuitiv auf diesen Gedanken gekommen bin – möchte ich Ihnen etwas über meine Erfahrungen mit einem der ärmsten Länder im unmittelbar noch europäisch zu nennenden Einflußkreis erzählen.
Über das Theater in Halle kam ich 1985 auf die Spur des armenischen Komponisten Avet Terterian, dessen Oper DAS BEBEN (nach Kleists 'Erdbeben in Chili') ich uraufführen sollte – eine Aufgabe, der ich erst 2003 an ganz anderem Ort, nämlich in München, nachkommen konnte. Damals aber reiste ich an den Fuß des heiligen Berges Ararat – die Arche Noah soll, so meldet es der Bericht über die Sintflut, dort nach dem großen Wasser niedergegangen sein. Zu Füßen des Berges liegt die Hauptstadt Jerewan, der Ararat selbst steht in der Türkei und ist für die Armenier seit den Ereignissen von 1915 unerreichbar: eine blutende Wunde des ohnehin noch lange nicht geheilten Verhältnisses zwischen beiden Ländern. Erst in letzter Zeit geriet der Genozid am armenischen Volk wieder verstärkt in die Medien.
Mit Avet Terterian gemeinsam fuhr ich in die nördlicheren Bergregionen des Sewan-Sees, wo der Komponist seine faszinierenden Klangskulpturen entwarf. Gegen Ende des Besuches aber lernte ich auch das Heiligtum Etschmiadsin (Sitz des Katholikos der Armenier), das Höhlenkloster Geghard und andere beeindruckende Zeugnisse der langen christlichen Kultur des Landes kennen. Armenien war das erste Land, in dem das Christentum Staatsreligion wurde.
Von allem war ich fasziniert und begeistert.
1988 erlebte Armenien ein grausames Erdbeben, wenig später begannen die kriegerischen Auseinandersetzungen um die Enklave Berg-Karabach. Von beiden ist Armenien bis heute gekennzeichnet: ein Land, das beinahe einzig per Flieger zu erreichen ist, denn die einzige momentan funktionstüchtige Landstraße führt ausgerechnet in den Iran... Und beide Katastrophen hat der Komponist Avet Terterian künstlerisch thematisiert, bevor sie überhaupt stattfanden.
Über die armenische Musik schreibt der Musikwissenschaftler Michail Kokschajew (Professor für Musiktheorie und Komposition in Jerewan): ffice
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Armenien, das sich an der Grenze von Orient und Okzident befindet, ist unvermeidlicherweise zur Verbindungsachse zweier ihrem Wesen nach unterschiedlicher Kulturen geworden. In diesem Kontext kommt der armenischen Kunst eine besondere Bedeutung zu, denn ihr sind die Betrachtungsweise der orientalischen Ästhetik und der strenge Aufbau in den Schöpfungen der westlichen Zivilisation, bei der die Gesetzmäßigkeiten der auf Ursache und Folge basierenden Logik eine vorrangige Bedeutung haben, gleichermaßen vertraut.
Trotzdem muss man die Kulturen des Ostens und des Westens nicht als insgesamt gegensätzlich betrachten, denn beide haben gemeinsame ethische Werte. Die Sinngebung für das Gute und das Böse, das Schöne und das Hässliche, das Lyrische und das Epische ist überall auf der Welt gleich. Lediglich die künstlerischen Werte werden unterschiedlich begriffen. Die Kunst des Orients ist subjektiv, abstrakt, hedonistisch orientiert, nimmt die Welt so an wie sie ist; sie ist nicht bestrebt, die Welt zu verbessern.
Die ästhetischen Werte Europas sind ihrem Wesen nach rational, sie haben nicht nur jedes einzelne Individuum im Blickfeld, sondern die ganze Gesellschaft. Die europäische Kunst ist schöpferisch und gnostisch zugleich. Sie strebt nicht nur die künstlerische Harmonie an, sie schafft darüber hinaus jenen Raum, in dem sie existiert.
"Subjektiv, abstrakt" kontra "schöpferisch, gnostisch" – das mag als erster Ansatzpunkt für die Idee, Bach in armenische Musik zu betten, zunächst genügen.Aber auch der Kontrast innerhalb der armenischen Musik selbst, zwischen den alten Sharakans und dem modernen Werk des 1994 verstorbenen Terterian ist höchst aufregend.
Was sind Sharakans? Es sind musikalische Zeugnisse alter christlichen Kultur, einstimmige Gesänge, die im 19. Jahrhundert und zu Beginn des 20. vor allem von Soghomon Soghomonian, bekannter als Katholikos Komitas (nach ihm benennt sich noch heute das Konservatorium in Jerewan) neu entziffert, aufgeschrieben, wiederentdeckt, gesammelt und veröffentlicht wurden.
Sharakan ist ursprünglich ein Hymnarium, eine Sammlung liturgischer Hymnen, gesitlicher Lieder und Oden, die vorrangig in Klöstern entstanden, zunächst mündlich und später (etwa ab dem 12./13. Jahrhundert) auch in Handschriften überliefert wurden.
Die ältesten Stücke armenischer Kirchenmusik gehen zurück auf den Erfinder der armenischen Schrift: Mesrop Mashtots. Nach der offiziellen Bekehrung des armenischen Königreiches zum Christentum unter König Tiridates III. um 301 stand das armenische Christentum unter starkem persischen Einfluß. Im 6. Jahrhundert trennte sich die armenische Kirche von der orthodoxen Linie und wurde mehr und mehr von der Liturgie aus Jerusalem geprägt.
Neben Mesrop Mashtots war Sahak Partev einer der wichtigsten Sharakanakirs. Andere verschweigen sogar ihre Namen, um das Himmlische nicht ins Irdische hinabzuziehen. Die meisten Komponisten – Movses Khorenatsi, Stephanos Syunetsi, Hovhan Mandakuni, Khomitas Aghtsetsi, Anania Shirakatsi und andere - waren Wissenschaftler, Philosophen, Poeten und Historiker. Die Lieder Grigor Narekatsis aus dem 10. Jh. zeugen von einer Zeit des Friedens. Im 12. Jahrhundert schreibt der bedeutende Sharakanakir Hovhannes Imastaser: "Die Natur ist vollkommen, der Mensch sündig und unvollkommen. Wir können nicht vollkommen sein wie die Natur, aber wir dürfen auch nicht aufhören, danach zu trachten". Im 12. Jahrhundert entstand auch einer der berühmtesten Gesänge "Licht, Schöpfer des Lichts" von Nerses Shnorhali, der noch heute in zahlreichen Kirchen zur Morgenstunde erklingt.
Die Kunst der Sharakans reichte etwa vom 5. bis ins 15. Jahrhundert. Wir erleben sie als eine archaische, reine Kunst voller Schönheit und Wahrheit.
Insofern paßt sie hervorragend zu Johann Sebastian Bach, zu dem an dieser Stelle nichts gesagt werden muß – außer vielleicht, daß uns seine Musik und gerade das Weihnachtsoratorium nur allzu bekannt und vertraut ist. Läßt sich Bach noch so erleben, als wenn wir ihn zum ersten Mal hören würden, am Tag der Uraufführung? Nein, das ist unmöglich – aber die alten Gesänge Armeniens im Kontrast zu Bachs Chorälen etwa führen auf absonderliche Weise die Musik zurück zu ihrem Ursprung: zu den Geschehnissen in Bethlehem vor 2000 Jahren.
Und diese Geschehnisse sollten wir nicht verklären und durch das jährliche Ritual des Erlebnisses der Musik Bachs in ein allzu warmes Bild entgleiten lassen: im Stall von Bethlehem war es biiter kalt. Werfen wir also den Blick tatsächlich zu den Widersprüchen unserer gerade an Weihnachten so heil sein wollenden Welt. Unterbrechen wir Bach an einigen Stellen und horchen hinab in die Tiefe christlicher Musik. Unterbrechen wir Bach in der Mitte und lauschen ausnahmsweise nicht der wundervollen Pastorale (sie erklang im letzten Jahr), sondern der 6. Sinfonie des modernen Komponisten Avet Terterian.
Im Zentrum dieser sehr meditativen Komposition gibt es eine Chorpassage, die sich ganz ähnlich auch in der Oper DAS BEBEN findet: der Chor singt dabei keinen Text, sondern armenische Buchstaben. Diese Art von Reduktion ist für den Komponisten überaus typisch. Aber die sehr religiös wirkende Musik hat einen Abgrund, der sich durch die Kenntnis der Oper erst erschließt: dort hat ein Erdbeben – also die Natur – zwei Menschen, denen eine Todsünde vorgeworfen wird, vor dem Tod durch Menschenhand bewahrt. Nachdem das Chaos wieder der Ordnung weicht, wird in einer Kathedrale ein Gottesdienst zelebriert, zu dem auch die beiden Unglücklichen gehen. Sie werden erkannt, als Ursache der Katastrophe gebrandmarkt und gelyncht.
Die Musik dieser Messe ist identisch mit der Chorpassage in der 6. Sinfonie. Die Katastrophen der Natur im Verhältnis zu den Katastrophen durch Menschenhand waren Terterians Hauptthema. Sie durchziehen seine Sinfonien wie ein Leitfaden, um in der 7. und eben in der Oper DAS BEBEN im direkten Tobandeinspiel eines Erdbebens zu kulminieren. Diese Werke entstanden aber vor dem verhehrenden Erdbeben in Armenien im Jahr 1988. In der 7. Sinfonie findet der Komposition zurück zu einer fragilen Ruhe; ebenso läßt auch der Schluß der 6. – nach der Chorpassage – keine weiteren Anzeichen von Katastrophen erkennen. Das passiert erst in der Oper, wo nach der erwähnten Messe die Eskalation der Gewalt musikalisiert wird. Danach wäscht das Geräusch von Regen, also die vollkommene Natur, die Sünden der Menschen weg.
Es kann kaum einen größeren Kontrast zum Bachschen Jubel geben als die wenigen Töne Avet Terterians und der alten Hymnen aus dem Sharakan, die auch ihn inspiriert haben.
Eine alte armenische Legende erzählt von einem Mann, der auf einem Cello wochenlang nur einen Ton spielt. Seine Frau hört sich das geduldig an, ehe sie eines Tages – wie man glauben darf, in sehr sanftem Ton – fragt: "Mann, ich habe bemerkt, daß andere auf diesem Instrument auf mehreren Seiten mehrere Töne spielen, warum spielst du nur immer den einen?" Die Antwort: "Sie suchen noch den richtigen Ton – ich habe ihn schon gefunden!"
Die alten Sharakanakirs, Bach und Avet Terterian – sie alle haben den richtigen Ton gefunden. Ich wünsche Ihnen allen in diesem Sinne ein intensives, erfülltes Konzerterlebnis!
Mehr Informationen unterwww.singakademie-dresden.de