Kommenden Mittwoch wird der ehemalige GMD der Dresdner Staatsoper innerhalb eines Konzertes der Sächsischen Staatskapelle verabschiedet. 2 seiner Schüler (GMD Eckehard Stier aus Görlitz und ich selbst) dirigieren dabei den ersten Teil, Siegfried Kurz selbst das Finale mit Beethovens 1. Sinfonie. Ein Statement:
"O Wort, du Wort, das mir fehlt!"ffice
ffice" />
- eine Laudatio für Siegfried Kurz
warum ausgerechnet dieser Satz aus Schönbergs großartiger Oper beim Nachdenken und Erinnern an die Zeit mit unserem verehrten Lehrer, dem Dirigenten, Komponisten und ehemaligen Dresdner Generalmusikdirektor Professor Siegfried Kurz mir immer wieder einfiel, hat verschiedene Gründe:
"O Wort, du Wort, das mir fehlt!"
Zunächst endete mit diesem Text einer der nachdrücklichsten Erfolge des damaligen 'Dreamteams' Kurz-Kupfer – wer immer die Aufführung von MOSES UND ARON im Großen Haus erlebt hat, wird sich an die entwaffnend einfache Lösung Kupfers für den brennenden Dornbusch ebenso erinnern wie an die phänomenale Leistung von Reiner Goldberg, Werner Haseleu, von Staatsopernchor und Staatskapelle und eben: Siegfried Kurz am Pult. Ein Meilenstein der Dresdner Staatsoperngeschichte; ich selbst erlebte die Produktion noch als Schüler – nicht ahnend, daß der Mann im Graben wenig später mein Lehrer sein würde.
Uns fehlen die Worte, die Leistungen des Dirigenten Kurz zu würdigen: er war als GMD in Dresden und Berlin über Jahrzehnte ein Garant hervorragender Aufführungen, beherrschte traumwandlerisch das große Repertoire, das er außer den genannten Städten auch u.a. in Leipzig (TRISTAN und ROSENKAVALIER), in Paris (RHEINGOLD), Buenos Aires (ROSENKAVALIER), Bonn (WOZZECK, PARSIFAL, DER FEURIGE ENGEL), Genf (WOZZECK), in Japan, den USA und anderswo dirigierte. Mit den schon erwähnten Opern MOSES UND ARON sowie WOZZECK, mit dem LUKULLUS oder LANZELOT von Paul Dessau oder der ANTIGONE von Orff war er auch stets ein Anwalt des Ungewohnten und Modernen.
Wir geben zu: oft genug ein unbequemer Anwalt! Musikerinnen und Musiker fürchteten seinen in gediegenem Sächsisch vorgetragenen Zorn ebenso, wie Sängerinnen und Sänger schon in der Pause damit rechnen mußten, ins Zimmer des GMD gebeten zu werden... Die so Kritisierten schwärmen heute fast alle und ausnahmslos von der Gründlichkeit, der Genauigkeit und dem Furor, der hinter allem Ärger stand. Es ging Kurz stets um die Sache.
Und diese wurde bei ihm – o Wort, das mir an dieser Stelle ganz besonders fehlt – diese Sache wurde bei ihm ganz musikantisch, erdig verwurzelt, geradeaus angegangen. Seine MEISTERSINGER oder sein FALSTAFF, sein LOHENGRIN oder TANNHÄUSER waren auch in der Repertoirevorstellung lupenrein. Sauberes Handwerk prägte sein Dirigieren, detaillierteste Partiturkenntnis sein Arbeiten, lebendiges Musizieren seinen Stil. Und noch heute erinnern sich viele Sängerinnen und Sänger der wundervollen Führung durch die Hand des in den Proben so ungnädigen Dirigenten...
1979 wurde ich sein erster Schüler. Die erste Stunde verging mit den einleitenden 8 Takten der Freischützouvertüre – und auch danach nahm das Arbeitstempo keineswegs deutlich zu. Es fehlen die Worte, diesen Weg nachzuzeichnen und Siegfried Kurz mögen beim Beschreiben des Phänomens Dirigieren bisweilen jene des Erklärens gefehlt haben: es war ein wundervoller – in meinem persönlichen Fall übrigens auch ein teilweise recht heiterer – Weg, der mich immerhin instand setzte, nach 4 Studienjahren erfolgreich mit dem FREISCHÜTZ in Altenburg vorzudirigieren. Natürlich ohne Orchesterprobe und im Übrigen in einer Inszenierung von Peter Konwitschny. Genau dieses Handwerk wußte Siegfried Kurz ohne viel Worte zu vermitteln: wir lernten durch seine nimmermüde Kritik, durch Zuschauen, sicher auch durch Nachahmen. Wir, das sind u.a. Eckehard Stier, zunächst Kapellmeister in Chemnitz, jetzt GMD in Görlitz und mittlerweile gefragter Gastdirigent; Michael Güttler, zuletzt Chefdirigent in Klagenfurt, Gastdirigent in Italien, Amerika und in St. Petersburg; Hans Christoph Rademann, Professor in Dresden, zuletzt Chordirektor beim NDR in Hamburg und international erfolgreicher Chorleiter; Gerd Herklotz, Kapellmeister u.a. in Bautzen, Halberstadt, Zwickau und am Theater Vorpommern, Maja Sequiera, Leiterin der Singakademie Chemnitz und des Universitätschors Dresden... – und viele andere mehr. Mit Fassung ertrugen wir seinen ätzenden Spott über unser 'Geschwuppe' – damit war das ungebührliche Nachfedern bei der Zählzeit Eins gemeint; mit weichen Knien sahen wir seinen Fragen vor versammeltem Orchester entgegen, was an einer bestimmten Stelle wichtig wäre. Ratlos stand man da z.B. nach getaner und einigermaßen gut gegangener FLEDERMAUS-Ouvertüre, um nun erneut im Boden zu versinken. Was kann denn am Ende dieses Stückes so furchtbar wichtig sein? "Daß das kein Triangel-Konzert wird!" – aha.
"O Wort, du Wort, das mir fehlt"... – nicht zuletzt könnte das ein passender Wahlspruch für einen Komponisten sein. Zumal für einen, der wegen seiner Dirigenten- und Lehrtätigkeit, aber auch wegen seiner Probleme mit den Strömungen neuerer Musik als Tondichter in den letzten Jahren verstummte. Er verfolgte sie zwar wach, stand ihnen aber zunehmend kritisch gegenüber. Sein als junger Mann mit Schwung hingeworfenes Trompetenkonzert gehörte seinerzeit sogar zum Schulstoff: ein noch heute interessantes Dokument lebendigen, durchaus modernen Komponierens aus den 50-er Jahren, voller Musizierlust und dennoch auch unbequemer Dissonanzen oder Taktwechsel – damals wahrlich keine Selbstverständlichkeit diesseits der noch nicht errichteten Mauer. Bedeutende Stücke kamen später hinzu, stets geprägt vom direkten Kontakt zu den Interpreten: das Hornkonzert für Peter Damm etwa, 2 Sinfonien, ein Klavierkonzert, Kammermusik und sogar ein Musical.
Wir alle sagen Dank: für ungezählte musikalische Erlebnisse unter seiner Stabführung, für eine unvergeßliche Zeit des Lernens und für schöpferische Anregung aus seiner Feder. "O Wort, du Wort, das mir fehlt":
Vielen Dank – Siegfried Kurz!