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...der Vollständigkeit halber

...sei hier der Text v. H. Pinters Nobelpreisrede, wie sie die taz heute abdruckt, dokumentiert. Wir werden uns gelegentlich daran erinnern müssen, auch wenn sie recht 'antiamerikanisch' daherkommt, wie sicher von vielen Seiten beklagt werden wird.


"Die Verbrechen der USA"



1958 schrieb ich Folgendes:


"Es gibt keine klaren Unterschiede zwischen dem, was wirklich, und dem, was unwirklich ist, genauso wenig wie zwischen dem, was wahr, und dem, was unwahr ist. Etwas ist nicht unbedingt entweder wahr oder unwahr; es kann beides sein, wahr und unwahr."


Ich halte diese Behauptungen immer noch für plausibel und weiterhin gültig für die Erforschung der Wirklichkeit durch die Kunst. Als Autor halte ich mich daran, aber als Bürger kann ich das nicht. Als Bürger muss ich fragen: Was ist wahr? Was ist unwahr?


Die Wahrheit in einem Theaterstück bleibt immer schwer greifbar. Man findet sie niemals völlig, sucht aber zwanghaft danach. Die Suche ist eindeutig der Antrieb unseres Bemühens. Die Suche ist unsere Aufgabe. Meistens stolpert man im Dunkeln über die Wahrheit, kollidiert damit oder erhascht nur einen flüchtigen Blick oder einen Umriss, der der Wahrheit zu entsprechen scheint, oftmals ohne zu merken, dass dies überhaupt geschehen ist. Die echte Wahrheit aber besteht darin, dass sich in der Dramatik niemals so etwas wie die eine Wahrheit finden lässt. Es existieren viele Wahrheiten. Die Wahrheiten widersprechen, reflektieren, ignorieren und verspotten sich, weichen voreinander zurück, sind füreinander blind. Manchmal spürt man, dass man die Wahrheit eines Moments in der Hand hält, dann gleitet sie einem durch die Finger und ist verschwunden.


Es ist ein merkwürdiger Moment, der Moment, in dem man Personen erschafft, die bis dahin nicht existierten. Was dann kommt, vollzieht sich sprunghaft, vage, sogar halluzinatorisch, auch wenn es manchmal einer unaufhaltsamen Lawine gleicht. Der Autor befindet sich in einer eigenartigen Lage. Die Personen empfangen ihn eigentlich nicht mit offenen Armen. Die Personen widersetzen sich ihm. Es ist schwierig, mit ihnen auszukommen, sie zu definieren ist unmöglich. Vorschreiben lassen sie sich schon gar nichts. In gewisser Weise spielt man mit ihnen ein endloses Spiel: Katz und Maus, Blindekuh, Verstecken. Aber schließlich merkt man, dass man es mit Menschen aus Fleisch und Blut zu tun hat, mit Menschen, die einen eigenen Willen und eine individuelle Sensibilität besitzen und aus Bestandteilen bestehen, die man nicht verändern, manipulieren oder verzerren kann.


Die Sprache in der Kunst bleibt also eine äußerst vieldeutige Angelegenheit, Treibsand oder Trampolin, ein gefrorener Teich, auf dem man, der Autor, jederzeit einbrechen könnte.


Aber wie gesagt, die Suche nach der Wahrheit kann nie aufhören. Man kann sie nicht vertagen, sie lässt sich nicht aufschieben. Man muss sich ihr stellen, und zwar hier und jetzt.


Politisches Theater stellt einen vor völlig andersartige Probleme. Moralpredigten gilt es unter allen Umständen zu vermeiden. Objektivität ist unabdingbar. Die Personen müssen frei atmen können. Der Autor darf sie nicht einschränken und einengen, damit sie seinen eigenen Vorlieben, Neigungen und Vorurteilen genügen. Er muss bereit sein, sich ihnen aus den verschiedensten Richtungen zu nähern, unter allen möglichen Blickwinkeln, sie vielleicht gelegentlich zu überrumpeln, ihnen aber trotzdem die Freiheit zu lassen, ihren eigenen Weg zu gehen.


Politische Sprache, so wie Politiker sie gebrauchen, wagt sich auf keines dieser Gebiete, weil die Mehrheit der Politiker, nach den uns vorliegenden Beweisen, an der Wahrheit kein Interesse hat, sondern nur an der Macht und am Erhalt dieser Macht. Damit diese Macht erhalten bleibt, ist es unabdingbar, dass die Menschen unwissend bleiben, dass sie in Unkenntnis der Wahrheit leben, sogar der Wahrheit ihres eigenen Lebens. Es umgibt uns deshalb ein weitverzweigtes Lügengespinst, von dem wir uns nähren.


Wie jeder der hier Anwesenden weiß, lautete die Rechtfertigung für die Invasion in den Irak, Saddam Hussein verfüge über ein hoch gefährliches Arsenal an Massenvernichtungswaffen, von denen einige binnen 45 Minuten abgefeuert werden könnten, mit verheerender Wirkung. Man versicherte uns, dies sei wahr. Es war nicht die Wahrheit. Man erzählte uns, der Irak unterhalte Beziehungen zu al-Qaida und trage Mitverantwortung für die Gräuel in New York am 11. September 2001. Man versicherte uns, dies sei wahr. Es war nicht die Wahrheit.



Die Wahrheit sieht völlig anders aus. Die Wahrheit hat damit zu tun, wie die Vereinigten Staaten ihre Rolle in der Welt auffassen und wie sie sie verkörpern wollen.


Doch bevor ich auf die Gegenwart zurückkomme, möchte ich einen Blick auf die jüngste Vergangenheit werfen; damit meine ich die Außenpolitik der Vereinigten Staaten seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Jeder weiß, was in der Sowjetunion und in ganz Osteuropa während der Nachkriegszeit passierte: die systematische Brutalität, die weit verbreiteten Gräueltaten, die rücksichtslose Unterdrückung eigenständigen Denkens. All dies ist ausführlich dokumentiert und belegt worden.


Aber ich behaupte hier, dass die Verbrechen der USA im selben Zeitraum nur oberflächlich protokolliert, geschweige denn dokumentiert, geschweige denn eingestanden, geschweige denn überhaupt als Verbrechen wahrgenommen worden sind. Ich glaube, dass dies benannt werden muss, und dass die Wahrheit beträchtlichen Einfluss darauf hat, wo die Welt jetzt steht.


Die direkte Invasion in einen souveränen Staat war eigentlich nie die bevorzugte Methode der Vereinigten Staaten. Vorwiegend haben sie den von ihnen so genannten Low Intensity Conflict favorisiert. Low Intensity Conflict bedeutet, dass tausende von Menschen sterben, aber langsamer, als würde man sie auf einen Schlag mit einer Bombe auslöschen. Es bedeutet, dass man das Herz des Landes infiziert, dass man eine bösartige Wucherung in Gang setzt und zuschaut, wie der Faulbrand erblüht. Ist die Bevölkerung unterjocht worden oder totgeprügelt - es läuft auf dasselbe hinaus -, und sitzen die eigenen Freunde, das Militär und die großen Kapitalgesellschaften, bequem am Schalthebel, tritt man vor die Kamera und sagt, die Demokratie habe sich behauptet. Das war in den Jahren, auf die ich mich hier beziehe, gang und gäbe in der Außenpolitik der USA.


Die Tragödie Nicaraguas war ein hoch signifikanter Fall. Die Vereinigten Staaten unterstützten die brutale Somoza-Diktatur in Nicaragua über 40 Jahre. Angeführt von den Sandinisten, stürzte das nicaraguanische Volk 1979 dieses Regime, ein atemberaubender Volksaufstand.


Die Sandinisten waren nicht vollkommen. Auch sie verfügten über eine gewisse Arroganz, und ihre politische Philosophie beinhaltete eine Reihe widersprüchlicher Elemente. Aber sie waren intelligent, einsichtig und zivilisiert. Sie machten sich daran, eine stabile, anständige, pluralistische Gesellschaft zu gründen. Die Todesstrafe wurde abgeschafft. Hunderttausende verarmter Bauern wurden quasi ins Leben zurückgeholt. Über 100.000 Familien erhielten Grundbesitz. Zweitausend Schulen entstanden. Eine äußerst bemerkenswerte Alphabetisierungskampagne verringerte den Anteil der Analphabeten im Land auf unter ein Siebtel. Freies Bildungswesen und kostenlose Gesundheitsfürsorge wurden eingeführt. Die Kindersterblichkeit ging um ein Drittel zurück. Polio wurde ausgerottet.


Die Vereinigten Staaten denunzierten diese Leistungen als marxistisch-leninistische Unterwanderung. Ich erwähnte vorhin das "Lügengespinst", das uns umgibt. Präsident Reagan beschrieb Nicaragua meist als "totalitären Kerker". Die Vereinigten Staaten stürzten schließlich die sandinistische Regierung. Es kostete einige Jahre und beträchtliche Widerstandskraft - doch gnadenlose ökonomische Schikanen und 30.000 Tote untergruben am Ende den Elan des nicaraguanischen Volkes.


Doch diese "Politik" blieb keineswegs auf Mittelamerika beschränkt. Sie wurde in aller Welt betrieben. Sie war endlos. Und es ist, als hätte es sie nie gegeben.


Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs unterstützten die Vereinigten Staaten jede rechtsgerichtete Militärdiktatur auf der Welt, und in vielen Fällen brachten sie sie erst hervor. Ich verweise auf Indonesien, Griechenland, Uruguay, Brasilien, Paraguay, Haiti, die Türkei, die Philippinen, Guatemala, El Salvador und natürlich Chile. Die Schrecken, die Amerika Chile 1973 zufügte, können nie gesühnt und nie verziehen werden.


In diesen Ländern hat es hunderttausende von Toten gegeben. Hat es sie wirklich gegeben? Und sind sie wirklich alle der US-Außenpolitik zuzuschreiben? Die Antwort lautet: Ja, es hat sie gegeben, und sie sind der amerikanischen Außenpolitik zuzuschreiben. Aber davon weiß man natürlich nichts.



Es ist nie passiert. Die Verbrechen der Vereinigten Staaten waren systematisch, konstant, infam, unbarmherzig, aber nur sehr wenige Menschen haben wirklich darüber gesprochen. Das muss man Amerika lassen. Es hat weltweit eine kühl operierende Machtmanipulation betrieben und sich dabei als Streiter für das universelle Gute gebärdet. Ein glänzender, sogar geistreicher, äußerst erfolgreicher Hypnoseakt.


Ich behaupte, die Vereinigten Staaten ziehen die größte Show der Welt ab, ganz ohne Zweifel. Brutal, gleichgültig, verächtlich und skrupellos, aber auch ausgesprochen clever. Als Handlungsreisende stehen sie ziemlich konkurrenzlos da, und ihr Verkaufsschlager heißt Eigenliebe. Ein echter Renner. Man muss nur all die amerikanischen Präsidenten im Fernsehen die Worte sagen hören "das amerikanische Volk", wie zum Beispiel in dem Satz: "Ich sage dem amerikanischen Volk, es ist an der Zeit, zu beten und die Rechte des amerikanischen Volkes zu verteidigen, und ich bitte das amerikanische Volk, den Schritten seines Präsidenten zu vertrauen, die er im Auftrag des amerikanischen Volkes unternehmen wird."


Ein brillanter Trick. Mit Hilfe der Sprache hält man das Denken in Schach. Mit den Worten "das amerikanische Volk" wird ein wirklich luxuriöses Kissen zur Beruhigung gebildet. Das gilt natürlich weder für die 40 Millionen Menschen, die unter der Armutsgrenze leben, noch für die zwei Millionen Männer und Frauen, die in dem riesigen Gulag von Gefängnissen eingesperrt sind, der sich über die Vereinigten Staaten erstreckt.


Den Vereinigten Staaten liegt nichts mehr am Low Intensity Conflict. Sie sehen keine weitere Notwendigkeit, sich Zurückhaltung aufzuerlegen oder gar auf Umwegen ans Ziel zu kommen. Sie legen ihre Karten ganz ungeniert auf den Tisch. Sie scheren sich einen Dreck um die Vereinten Nationen, das Völkerrecht oder kritischen Dissens, den sie als machtlos und irrelevant betrachten.


Was ist aus unserem sittlichen Empfinden geworden? Hatten wir je eines? Was bedeuten diese Worte? Stehen sie für einen heutzutage äußerst selten gebrauchten Begriff - Gewissen? Ein Gewissen nicht nur hinsichtlich unseres eigenen Tuns, sondern auch hinsichtlich unserer gemeinsamen Verantwortung für das Tun anderer? Ist all das tot? Nehmen wir Guantanamo Bay. Hunderte von Menschen sind seit über drei Jahren ohne Anklage in Haft, ohne gesetzliche Vertretung oder ordentlichen Prozess, im Prinzip für immer inhaftiert. Diese absolut rechtswidrige Situation existiert trotz der Genfer Konvention weiter. Die so genannte internationale Gemeinschaft toleriert sie nicht nur, sondern verschwendet auch so gut wie keinen Gedanken daran. Diese kriminelle Ungeheuerlichkeit begeht ein Land, das sich selbst zum "Anführer der freien Welt" erklärt. Denken wir an die Menschen in Guantanamo Bay? Was berichten die Medien über sie? Sie tauchen gelegentlich auf - eine kleine Notiz auf Seite sechs.


Die Invasion in den Irak war ein Banditenakt, ein Akt von unverhohlenem Staatsterrorismus, der die absolute Verachtung des Prinzips von internationalem Recht demonstrierte. Die Invasion war ein willkürlicher Militäreinsatz, ausgelöst durch einen ganzen Berg von Lügen und die üble Manipulation der Medien und somit der Öffentlichkeit; ein Akt zur Konsolidierung der militärischen und ökonomischen Kontrolle Amerikas im Nahen Osten hinter der Maske der Befreiung, letztes Mittel, nachdem alle anderen Rechtfertigungen sich nicht hatten rechtfertigen lassen. Eine beeindruckende Demonstration einer Militärmacht, die für den Tod und die Verstümmelung abertausender Unschuldiger verantwortlich ist.


Wir haben dem irakischen Volk Folter, Splitterbomben, abgereichertes Uran, zahllose, willkürliche Mordtaten, Elend, Erniedrigung und Tod gebracht und nennen es "dem Nahen Osten Freiheit und Demokratie bringen".


Wie viele Menschen muss man töten, bis man sich die Bezeichnung verdient hat, ein Massenmörder und Kriegsverbrecher zu sein? Einhunderttausend? Mehr als genug, würde ich meinen. Deshalb ist es nur gerecht, dass Bush und Blair vor den Internationalen Strafgerichtshof kommen.


Ich sagte vorhin, die Vereinigten Staaten würden ihre Karten jetzt völlig ungeniert auf den Tisch legen. Dem ist genau so. Ihre offiziell verlautbarte Politik definiert sich jetzt als Full Spectrum Dominance. Der Begriff stammt nicht von mir, sondern von ihnen. Full Spectrum Dominance bedeutet die Kontrolle über Land, Meer, Luft und Weltraum sowie alle zugehörigen Ressourcen.


Die Vereinigten Staaten besitzen, über die ganze Welt verteilt, 702 militärische Anlagen in 132 Ländern, mit der rühmlichen Ausnahme Schwedens natürlich. Wir wissen nicht ganz genau, wie sie da hingekommen sind, aber sie sind jedenfalls da.



Abertausende, wenn nicht gar Millionen Menschen in den USA sind nachweislich angewidert, beschämt und erzürnt über das Vorgehen ihrer Regierung, aber so wie die Dinge stehen, stellen sie keine einheitliche politische Macht dar - noch nicht. Doch die Besorgnis, Unsicherheit und Angst, die wir täglich in den Vereinigten Staaten wachsen sehen können, werden aller Wahrscheinlichkeit nach nicht schwinden.


Das Leben eines Schriftstellers ist ein äußerst verletzliches, fast schutzloses Dasein. Darüber muss man keine Tränen vergießen. Der Schriftsteller trifft seine Wahl und hält daran fest. Es stimmt jedoch, dass man allen Winden ausgesetzt ist, und einige sind wirklich eisig. Man ist auf sich allein gestellt, in exponierter Lage. Man findet keine Zuflucht, keine Deckung - es sei denn, man lügt - in diesem Fall hat man sich natürlich selber in Deckung gebracht und ist, so ließe sich argumentieren, Politiker geworden.


Ich glaube, dass den existierenden kolossalen Widrigkeiten zum Trotz die unerschrockene, unbeirrbare, heftige intellektuelle Entschlossenheit, als Bürger die wirkliche Wahrheit unseres Lebens und unserer Gesellschaften zu bestimmen, eine ausschlaggebende Verpflichtung darstellt, die uns allen zufällt.


Wenn sich diese Entschlossenheit nicht in unserer politischen Vision verkörpert, bleiben wir bar jeder Hoffnung, das wiederherzustellen, was wir schon fast verloren haben - die Würde des Menschen.



Übersetzung: Michael Walter
© DIE NOBELPREISSTIFTUNG 2005
10.12.05 14:14


"Das Wahlergebnis ist eine Aufforderung"

Postskriptum zum Eintrag von heute (20.9.) - ein Interview aus der taz, das ich eben entdeckte:


"Die Kuchendiagramme sind Vergangenheit"


Woran ist Angela Merkel gescheitert? Der Berliner Zeithistoriker Paul Nolte meint: an den sozial Konservativen. Die Gesellschaft sei
nicht mehr strukturiert nach den Etiketten "konservativ" und "links" - jetzt verlaufe die Grenze zwischen kulturellen Optimisten und Pessimisten

taz: Herr Nolte, die Konservativen bekommen in Deutschland keine Mehrheiten mehr. Was ist da los?


Paul Nolte: Zunächst gibt es keine Mehrheit für Schwarz-Gelb, also für ein radikal-liberales Reformprogramm. Es ist ja geradezu paradox, dass die CDU gescheitert ist mit der unkonservativsten Kandidatin, die man sich nur vorstellen kann. Ostdeutsche, Protestantin, Frau, kinderlos, Karriere. Das steht eigentlich für moderne Lebensentwürfe. Trotzdem ist Merkel gescheitert, aber nicht an den traditionell Konservativen. Sondern an denen, die ich die sozial Konservativen nennen würde.


Sozial Konservative?


Menschen, die wegen ihrer sozialen Ängste nicht mehr CDU wählen. Der Aufbruch in die Moderne ist mit dieser Kandidatin offensichtlich nicht gelungen.


Die Wähler der CDU sind also konservativer oder unmoderner als die Parteispitze unter Führung Merkels?


Einerseits. Aber auch das konservative Milieu bricht ja zusammen. Merkel war mit ihrer Liberalität das geringere Problem als Paul Kirchhof mit seiner Traditionalität.


Wegen der Familien-Frage.


Steuerpolitische Vorstellungen und "flat tax" haben viele Menschen abgeschreckt, die um ihre Zuschläge fürchteten. Unter modernen Akademikern und Großstadtmenschen dagegen hat etwas anderes abgeschreckt: die Vorstellung, dass die Frau ihre Karriere am Herd machen sollte. Auf dieser Basis kann die CDU keine Mehrheit gewinnen.


Der Spagat ist nicht gelungen?


Das Konservative wäre das sozial-politische Moment der CDU gewesen. Sie hat den Menschen aber überhaupt keine neuen Sicherheitsangebote gemacht. Wo sind die Rückzugsräume, wo sind die Haltegriffe mit dieser CDU?


Wie hätte die Leerstelle gefüllt werden können?


Na ja, nicht mehr mit den Sicherheitsangeboten aus Zeiten der DDR oder der alten Bundesrepublik. Es geht um neue Angebote, um gesellschaftliche Chancen. Da hat die CDU ein Defizit.


Muss man sich in Deutschland von dem Gedanken verabschieden, dass es zwei Lager gibt und eines davon die Regierung stellt?


Ja, die klassischen Kuchendiagramme gehören eigentlich der Vergangenheit an. Die Wähler haben sich mit diesem Ergebnis selbst bestätigt. Die Aussage ist: Ihr Parteien denkt zwar noch in Lagern, aber da ist längst etwas umgebrochen. Seit Jahren haben die Parteien verdrängt, dass sie über die Lager hinaus Gespräche benötigen, um zu klären, wo es die gesellschaftlich offensichtlich wahrgenommenen Überschneidungen gibt. Was ist es denn nun zwischen CDU und Grünen? Das Wahlergebnis ist eine Aufforderung.


Also sind die Parteien rückständiger als die Gesellschaft?


Die Gesellschaft ist nicht mehr strukturiert nach den Etiketten "konservativ" und "links", wie es die Parteien gerne hätten. Es gibt vielmehr einen Kulturkampf zwischen kulturellen Optimisten und kulturellen Pessimisten. Da geht es nicht darum, ob ich mit Kirchhofs Modell nun 300 Euro mehr in der Tasche habe.


Um was geht es dann?


Es geht auch um ein Lebensgefühl, um optimistische Weltbilder. Schröder hat bei der Agenda 2010 gesagt: Ich kann nicht anders. Er und Merkel hätten sagen sollen: So stelle ich mir eine gerechte Gesellschaft vor - und deshalb sind diese und jene Maßnahmen nötig. Das macht den Unterschied.
INTERVIEW: THILO KNOTT

20.9.05 22:10


zu 60 Jahre Kriegsende und aus Anlaß des Todes Johannes Paul II....

...folgt hier ein etwas ausführlicherer Text aus der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG, der mir zu beiden Themen aussagekräftiger scheint als viele der überspannten und medienhysterischen Beiträge, mit denen wir gegenwärtig von früh bis spät überzogen werden.







Jenseits der Erbaulichkeit


Als Bonhoeffer im Gefängnis saß, entdeckte er das Thema Gott ganz neu. Bonhoeffer-Biograph Ferdinand Schlingensiepen erklärt, warum Bonhoeffer religiösen Worten zunehmend misstraute - nicht aber seinem Glauben.





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Dietrich Bonhoeffer, London 1939
Foto: Chr.
Kaiser/Gtl. Verlagshaus



 


Vor sechzig Jahren, am 9. April 1945, wurde Dietrich Bonhoeffer im KZ Flossenbürg für seine Tätigkeit im Widerstand umgebracht.

Bonhoeffer war indes nicht nur Widerstandskämpfer, sondern auch Theologe - einer, der mit Kritik an der Kirche nicht sparte.

Schlingensiepen*) zeichnet in seinem Artikel die Entwicklung des Theologen Bonhoeffers in der Zeit des NS-Regimes nach.


Im Juli 1932 sagte Bonhoeffer bei einer internationalen Konferenz in der damaligen Tschechoslowakei: "Der Sieg der Hitlerpartei hätte unabsehbare Folgen nicht nur für die Entwicklung des deutschen Volkes, sondern auch für die Entwicklung der ganzen Welt."

Wie kam der damals 26-jähriger Berufsanfänger zu einer derart klaren Voraussage? Sie hängt eng mit seiner Theologie zusammen.

Der junge Bonhoeffer folgte dem Philosophen Kant als er provozierend feststellt: "Einen Gott, den 'es gibt', gibt es nicht!" Denn über alles, was "es gibt", könne der Mensch verfügen – und sei es nur in Gedanken; Gott aber sei nicht verfügbar.


 


 






















 


 


mehr zum Thema



Bonhoeffer (I)
"Mit der Waffe war bei ihm nichts zu machen" - Ein Interview mit der Bonhoeffer-Nichte Renate Bethge
 
Fotostrecke
Dietrich Bonhoeffer
 




 


 


Wenn wir über ihn nachdenken, kommt irgendetwas Menschliches dabei heraus, aber nichts Göttliches. Wir können über Gott nur etwas wissen, wenn er sich uns in einer Sprache offenbart, die wir verstehen können.

Kant unterschied zwischen Wissen und Glauben. Es gehe darum, was wir glauben dürften, auch ohne es beweisen zu können, und Bonhoeffer gibt ihm darin Recht.

Aber anders als Kant sagt er, das Gott sich finden lasse, denn er habe sich in Christus und den Worten der Bibel offenbart. Und zwar als ein Gott, der etwas fordert. Das ist ein erster entscheidender Beitrag des jungen Theologen zu der theologischen Debatte seiner Zeit.


Die entscheidende Frage


Bonhoeffer zieht daraus zwei Schlussfolgerungen: Die Theologie müsse einerseits die Bibel nach dem Willen Gottes befragen. Andererseits müsse der Theologe, ehe er redet, auch die Welt genau kennen. Die Verbindung von Gotteserkenntnis und Weltwirklichkeit verleiht Bonhoeffers Theologie von Anfang an eine politische Stoßrichtung.

So schreibt er wenige Wochen, nachdem Hitler Reichskanzler geworden war, den Aufsatz "Die Kirche vor der Judenfrage", weil er erkannt hat, dass sich an dieser Frage entscheiden wird, ob Deutschland eine zivilisierte Nation bleiben oder der Barbarei verfallen wird.

Darin fordert er dreierlei: Erstens müsse die Kirche den Staat fragen, ob das, was er tut, legitim sei.


 


 














» Es kann nicht die Aufgabe der Kirche sein, mündig gewordene Menschen mit einer Sprache zu überfallen, die sie weder verstehen noch gar sprechen können. «

Bonhoeffer


Zweitens sei die Kirche den Opfern jeder Gesellschaftsordnung in unbedingter Weise verpflichtet, auch wenn sie nicht der christlichen Gemeinde zugehörten.

Und drittens soll die Kirche, wenn sie erkennt, dass der Staat Unrecht tut, nicht nur die Opfer unter dem Rad verbinden, sondern dem Rad selbst in die Speichen fallen.

Das wäre politischer Widerstand, und über den müsste ein evangelisches Konzil entscheiden.

Auf der Bedingung, dass hier nicht einzelne das Heft in die Hand nehmen solle, sondern dass die Kirche verpflichtet sei, das Gebot Gottes für die jeweilige Zeit zu erkennen und zu verkündigen, hat er lange bestanden.

Unermüdlich hat er die evangelische Kirche aufgefordert, ihre Angst vor dem Staat zu vergessen und politisch zu handeln. "Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen", auch das ist ein biblisches Gebot.

Hitler, der sich in dieser Zeit noch ganz friedfertig gibt, steuert auf einen Krieg los. Bonhoeffer sieht das und drängt auf einer internationalen Konferenz 1934, dass die Kirchen der Welt die Nationen gemeinsam auffordern sollten, Frieden zu halten und alle Kriegsvorbereitungen zu ächten. Es dauert nicht lange, da wird er deshalb in Deutschland als Pazifist und Staatsfeind denunziert.


Gespaltene Kirche


1935 wird Bonhoeffer Direktor eines Predigerseminars, in dem Pfarrer der Bekennenden Kirche ausgebildet werden.

Die evangelische Kirche in Deutschland hatte sich 1933 gespalten. Es gab einen vom Staat mit allen Mitteln geförderten Teil, der bereit war, den christlichen Glauben mit nationalsozialistischen Ideen zu vermengen (die "Deutschen Christen"), einen anderen Teil, der das entschieden ablehnte und verfolgt wurde (die Bekennende Kirche) und einen dritten, der versuchte, sich aus diesen Auseinandersetzungen herauszuhalten (die sogenannten Neutralen).

Bonhoeffer war ein Vorkämpfer der Bekennenden Kirche. Aber deren Kampf war ihm in der Judenfrage und in der Friedensfrage nicht entschieden genug.

Er kommt im Verlauf schwerer Auseinandersetzungen zu der Überzeugung, die Kirche werde sich nicht für den Frieden einsetzen. Es müsse darum wenigstens ein Zeichen dafür gesetzt werden, dass Christen bei einem durch und durch ungerechten Krieg wie dem, den Hitler vorbereitet, nicht mitmachen dürften.

*) Ferdinand Schlingensiepen ist Theologe. Im Sommer wird seine Bonhoeffer-Biographie im Münchner Verlag C.H. Beck erscheinen.


Er trägt sich mit dem Gedanken, den Wehrdienst zu verweigern, obwohl darauf die Todesstrafe steht. Da hätte es ihm eigentlich zupass kommen müssen, dass er im Sommer 1939 zu Vorlesungen in die USA reisen kann. Die Freunde dort haben ihn eingeladen, weil sie wissen, wie gefährdet er ist. Sie wollen, dass er in den USA bleibt.

Er aber erkennt in dem Bibelvers "Wer glaubt, der flieht nicht" ein Wort Gottes, das ihm gilt und kehrt nach Deutschland zurück.

Dort stellt sich die Frage der Kriegsdienstverweigerung überraschenderweise zunächst noch gar nicht. Bonhoeffer wird nicht zur Musterung aufgefordert; wohl aber treten Generalmajor Hans Oster und sein Schwager Hans von Dohnanyi an ihn heran und wollen ihn als Mitarbeiter im militärischen Widerstand gegen Hitler einsetzen.

Nach außen hin soll er Agent der militärischen Spionage-Abteilung unter Admiral Canaris sein, in Wirklichkeit aber seine vielen Auslandskontakte nutzen, damit der Widerstand mit den Kriegsgegnern Verbindung aufnehmen und über Friedensbedingungen verhandeln kann. Bonhoeffer willigt sofort ein.


 


 












» In meiner jetzigen Umgebung finde ich fast nur Menschen, die sich an ihre Wünsche klammern und dadurch für andere Menschen nichts sind. «

Bonhoeffer


Damals bestand noch die Hoffnung, man könne Hitler gefangen nehmen und als Verbrecher vor ein deutsches Gericht stellen. Später wurde klar, dass sich der Diktator nur durch ein Attentat beseitigen ließe, doch selbst da sprach sich der Theologe Bonhoeffer entschieden für dieses Attentat aus. Wie konnte er das?

Auch ein Attentat ist Mord, und dagegen steht das Gebot: Du sollst nicht töten. Bonhoeffer ist damals von Männern des Widerstands gefragt worden, ob man Hitler töten dürfe. Es heiße doch in der Bibel: "Wer das Schwert nimmt, wird durch das Schwert umkommen."

Darauf soll er geantwortet haben, das sei so und bleibe auch so. Dennoch müsse Hitler getötet werden, um seine ungezählten Morde zu beenden, und wenn er an den Diktator herankommen könnte, würde er die Bombe selber werfen.

Man könne hier nur zwischen zwei Übeln wählen, und das Attentat sei klar das kleinere Übel. In seinem Buch "Ethik" sagt er das so:

"Wer in Verantwortung Schuld auf sich nimmt – und kein Verantwortlicher kann dem entgehen – der rechnet sich selbst und keinem anderen diese Schuld zu und steht für sie ein. Vor den Menschen rechtfertigt den Mann der freien Verantwortung die Not, vor sich selbst spricht ihn sein Gewissen frei, aber vor Gott hofft er allein auf Gnade."


Die wichtigsten Jahre


Im Frühjahr 1943 scheitern kurz hintereinander zwei Attentatsversuche und wenige Tage danach werden Dietrich Bonhoeffer und sein Schwager Haus von Dohnanyi verhaftet. Bonhoeffer wird wegen "Wehrdienstentziehung" und "Fluchthilfe für Juden" angeklagt. Die verbleibenden zwei Jahre seines Lebens verbringt er als Häftling im Militäruntersuchungsgefängnis in Berlin-Tegel und – weil seine Beteiligung am Widerstand nach dem 20. Juli herauskommt – ab Oktober 1944 im Gewahrsam der SS.

Die beiden letzten Jahre dieses Theologen, der nur 39 Jahre alt geworden ist, werden die theologisch wichtigsten seines Lebens.

Während der Haft werden einige der Bewacher zu verlässlichen Freunden, die Briefe von ihn an seinen Freund Eberhard Bethge aus dem Gefängnis schmuggeln.


 


 














» Toll finde ich es, wie man bei der Meldung der Anflüge immer wieder ganz unwillkürlich dazu verführt wird, anderen Städten ... das auf den Hals zu wünschen, wovor einem selbst graut. «

Bonhoeffer


In diesen Briefen, die Bethge nach dem Zweiten Weltkrieg veröffentlicht hat, entwickelt Bonhoeffer vom April 1944 an seine neuen theologischen Gedanken. Stil und Inhalt seiner Briefe ändern sich von jetzt an grundlegend.

Es gab einen äußeren Anlass für diese neue Einstellung. Ein Heeresrichter hatte Bonhoeffer sagen lassen, er solle nicht mehr mit einem Prozess rechnen, sondern sich darauf einrichten, noch für längere Zeit in Tegel zu bleiben.

Und es ist ausgerechnet diese Mitteilung, die bei Bonhoeffer eine neue Phase theologischer Arbeit auslöst. In einem Brief an Bethge heißt es: "Es ist so, wie Du sagst: daß das Erkennen das 'Erregendste' in der Welt ist und darum bin ich auch jetzt durch die Arbeit ganz gefesselt."

Bonhoeffer liest Literatur aus dem 19. Jahrhundert und macht zugleich Beobachtungen an sich selbst und seiner Umgebung im Gefängnis. Nach einem Luftangriff schreibt er:

"Gestern nacht war es wieder sehr lebhaft. Der Blick vom Dach auf die Stadt war erschütternd. ... Toll finde ich es, wie man bei der Meldung der Anflüge immer wieder ganz unwillkürlich dazu verführt wird, anderen Städten ... das auf den Hals zu wünschen, wovor einem selbst graut."


Nur Angst, nur Gier, nur Verzweiflung


Daran könne man sehen, dass eben nicht nur die anderen von Natur aus böse seien, sondern man selbst auch.

"In meiner jetzigen Umgebung finde ich fast nur Menschen, die sich an ihre Wünsche klammern und dadurch für andere Menschen nichts sind, sie hören nicht mehr und sind unfähig zur Nächstenliebe."

Er beobachtet, dass nur wenige Menschen mehrere Dinge gleichzeitig in sich beherbergen können. Kämen Flieger, seien sie nur Angst; gebe es etwas Gutes zu essen, seien sie nur Gier. Gehe ein Wunsch nicht in Erfüllung, seien sie nur verzweifelt. Statt der Ganzheit einer eigenen Existenz gebe es bei ihnen nur Bruchstücke.

Wie aber könne man Menschen, die nicht mehr hören können, noch das Wort Gottes sagen? Mit religiösen Aussagen sei da nichts auszurichten.


Aus solchen Beobachtungen und seiner Lektüre der Bibel entwickelt er seine Gedanken von der "Religionslosigkeit" der modernen Welt und vom "mündig gewordenen Menschen" und vor allem den Gedanken, dass die Kirche in dieser Welt nur Kirche bleiben kann, wenn sie eine "Kirche für andere" wird.


 


 












» Daß die Israeliten den Namen Gottes nie aussprechen, gibt mir immer wieder zu denken und ich verstehe es immer besser. «

Bonhoeffer


Für die, die Bonhoeffer aus seinen früheren Schriften kannten, war das in den 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts verwirrend und neu. Bonhoeffer hatte bis dahin vor allem herausgearbeitet, dass die Kirche nach ihren eigenen Gesetzen leben müsse und nicht scharf genug von aller bloß psychisch-menschlichen Wirklichkeit unterschieden werden könne. Gehöre der Christ dennoch in die Welt, so hieße das, dass er "mitten unter den Feinden" stünde.

Die Briefe aus seiner Haftzeit zeigen, dass er der Bekennenden Kirche zwar zugesteht, dass sie sich gegen die Vergewaltigung durch ein Regiment des Schreckens und der Lüge zur Wehr gesetzt, dass sie dabei aber die mit ihr Bedrohten im Stich gelassen habe.

In dieser Lage war es für Bonhoeffer wie eine große Entdeckung, dass es in der Bibel nur ein der ganzen Welt zugewandtes Evangelium gibt. So kann es auch nur eine der Welt zugewandte Kirche geben.


Von unten gesehen


Der Gefangene redet jetzt in einer deutlich veränderten Sprache. Sein Blick ist weiter geworden, weil er im Widerstand Menschen kennen gelernt hat, die "das Rechte" tun, ohne bewusst Christen zu sein.

Die "neue Theologie" konnte so, wie sie sich jetzt darstellt, nur in der "Welt von Tegel" entstehen, wo Bonhoeffer sie nicht nur erarbeitet, sondern erlebt hat. Sie kreist vor allem um ein Thema:

"Was mich unablässig bewegt, ist die Frage, was das Christentum oder auch wer Christus heute für uns eigentlich ist. Die Zeit, in der man das den Menschen durch Worte – seien es theologische oder fromme Worte – sagen könnte, ist vorüber; ebenso die Zeit der Innerlichkeit und des Gewissens, und d.h. eben die Zeit der Religion überhaupt".

Bonhoeffer empfindet es als heilsam, dass er mit der religionslosen Welt von Tegel eine Welt aus der "Perspektive von unten" kennen lernt, "aus der Perspektive der Machtlosen, Unterdrückten und Verhöhnten, kurz der Leidenden"; aber er will sich in den Sog, den diese Welt ausübt, nicht hineinziehen lassen.

Er bleibt, der er ist, will aber die Situation derer, die sich ihm zuwenden, auf keinen Fall religiös ausnutzen. Bonhoeffer ist im Tegeler Gefängnis zu einem Ansprechpartner geworden, für Wärter und Gefangene gleichermaßen.

Sein Misstrauen gegenüber religiösen Worten war in Tegel ständig gewachsen. "Daß die Israeliten den Namen Gottes nie aussprechen, gibt mir immer wieder zu denken und ich verstehe es immer besser".

Das Alte Testament wird zu seiner bevorzugten Lektüre. Als er Bethge Briefe schreiben kann, berichtet er, daß er es in Tegel bereits zweieinhalb mal gelesen habe. Und was ihn am Alten Testament so viel mehr als in früheren Jahren beeindruckt, ist die tiefe "Diesseitigkeit" dieser Bibel der Juden, die nicht auf ein besseres Jenseits hofften, sondern für die es hier auf dieser Erde gelte, dass man seinen Glauben bekennen und entsprechend handeln sollte. Für Christen würde das auch gelten.


Theologie in der Defensive


Der Begriff "Religionslosigkeit" gilt vielen Theologen heute als eine Prophezeiung Bonhoeffers, die sich nicht bewahrheitet hat. Er hat aber gar nicht gemeint, die Weltreligionen würden an ihr Ende kommen und es könne keine religiösen Moden mehr geben, sondern in dem Begriff steckt zuallererst eine doppelte Kritik an der Kirche.

Nicht nur die vom Staat anerkannte Kirche, die Bonhoeffer so leidenschaftlich bekämpft hat, hat den Krieg Hitlers gutgeheißen, auch die Bekennende Kirche hat viel zu selten klare Worte gefunden. Für Bonhoeffer ist die religiöse Sprache in Deutschland darum durch das Verhalten der Kirche in der Zeit von 1933 bis 1945 politisch und menschlich diskreditiert.

Und daneben gibt es ein viel älteres Problem. Die Kirche hatte sich gegen die Aufklärung gestemmt und sich auf einen Abwehrkampf gegen den Siegeszug der modernen Naturwissenschaften eingelassen, die "ohne die Arbeitshypothese Gott" die Welt erklärten.


 


 












» Die Kammerdienergeheimnisse – um es grob zu sagen – d.h. also der Bereich des Intimen (vom Gebet bis zur Sexualität) – wurden das Jagdgebiet der modernen Seelsorger, um [die Menschen] religiös zu erpressen. «

Bonhoeffer


Die Theologen hatten damit "Rückzugsgefechte" gegen die Säkularisierung der Welt und der Gesellschaft geführt und versucht, wenigstens Randgebiete des menschlichen Lebens für Gott offen zu halten, der dadurch zu einer Art "Lückenbüßer" gemacht worden war.

Bonhoeffer setzt dagegen: "Nicht in den ungelösten, sondern in den gelösten Fragen will Gott von uns begriffen sein." Auf keinen Fall soll man Gott im Bereich des "Persönlichen" festhalten wollen.

"Die Kammerdienergeheimnisse – um es grob zu sagen – d.h. also der Bereich des Intimen (vom Gebet bis zur Sexualität) – wurden das Jagdgebiet der modernen Seelsorger, um [die Menschen] religiös zu erpressen. Nicht die Sünden der Schwäche, sondern die starken Sünden sind es, um die es geht. Es ist gar nicht nötig herumzuspionieren. Die Bibel tut es nirgends. Ich will also darauf hinaus, daß man Gott nicht noch an irgendeiner allerletzten heimlichen Stelle hineinschmuggelt, sondern daß man die Mündigkeit der Welt und des Menschen einfach anerkennt, daß man den Menschen in seiner Weltlichkeit nicht 'madig macht', sondern ihn an seiner stärksten Stelle mit Gott konfrontiert."


Welt der Mündigen


Wie man den Menschen an seiner stärksten Stelle mit Gott konfrontiert, hat mir ein Freund aus der ehemaligen DDR kurz nach dem Einmarsch der Sowjets in Prag 1968 so erklärt: "Wenn ich jetzt auf die Kanzel steige und sage: Jesus ist auferstanden und wird wiederkommen zum Gericht, dann werden die anwesenden Stasi-Leute sagen: Er ist ein Pfarrer und hat so geredet, wie die nun mal reden. Wenn ich aber sage: Dass unsere Truppen nach allem, was unter Hitler geschehen ist, jetzt wieder in Prag mit einmarschiert sind, ist eine Sünde und Schande, und Gott wird das nicht ungestraft lassen!, dann denken die: Wie kommt der Kerl dazu, öffentlich Dinge zu sagen, die wir noch nicht einmal zu denken wagen. Und nur so wird die Predigt zum Evangelium für unsere Zeit!"

Bonhoeffer jammert keinen Augenblick darüber, dass die Welt "religionslos" geworden ist, und den Begriff "Säkularisierung" lässt er entschlossen fallen. Stattdessen redet er von der "Mündigkeit" der modernen Welt und vom "mündig gewordenen Menschen".

Es kann nicht die Aufgabe der Kirche sein, mündig gewordene Menschen mit einer Sprache zu überfallen, die sie weder verstehen noch gar sprechen können.

Wenn wir noch einmal auf den Pfarrer aus der DDR-Zeit blicken: Den Satz über die Auferstehung Christi und das kommende Gericht hätten die Stasi-Spitzel überhaupt nicht verstanden. Die Konsequenz, die mein Freund daraus gezogen hatte, konnten sie nicht nur verstehen, sondern mussten sich im gleichen Augenblick fragen, wie es zu einer derart mutigen Aussage kommen konnte.


Mit schwierigen Worten


In seinen "Gedanken zum Tauftag" für Dietrich Bethge, die sein Freund als Ansprache während der Taufe seines Sohnes vorgelesen hat, hat Bonhoeffer seine neuen theologischen Gedanken zusammengefasst. Sie gelten mit Recht seit dem Erscheinen von "Widerstand und Ergebung" als ein besonderes Vermächtnis dieses Theologen.

"Du wirst heute zum Christen getauft. Alle die alten großen Worte der christlichen Verkündigung werden über Dir ausgesprochen und der Taufbefehl Jesu Christi wird an Dir vollzogen, ohne daß Du etwas davon begreifst. Aber auch wir selbst sind wieder ganz auf die Anfänge des Verstehens zurückgeworfen. Was Versöhnung und Erlösung, was Wiedergeburt und Heiliger Geist, was Feindesliebe, Kreuz und Auferstehung, was Leben in Christus und Nachfolge Christi heißt, das alles ist so schwer und so fern, daß wir es kaum mehr wagen, davon zu sprechen. In den überlieferten Worten und Handlungen ahnen wir etwas ganz Neues und Umwälzendes, ohne es noch fassen und aussprechen zu können. Das ist unsere eigene Schuld. Unsere Kirche, die in diesen Jahren nur um ihre Selbsterhaltung gekämpft hat, als wäre sie ein Selbstzweck, ist unfähig, Träger des versöhnenden und erlösenden Wortes für die Menschen und für die Welt zu sein. Darum müssen die früheren Worte kraftlos werden und verstummen. ... Bis Du groß bist, wird sich die Gestalt der Kirche sehr verändert haben. ... Es ist nicht unsere Sache, den Tag vorauszusagen – aber der Tag wird kommen –, an dem wieder Menschen berufen werden, das Wort Gottes so auszusprechen, daß sich die Welt darunter verändert und erneuert. Es wird eine neue Sprache sein, vielleicht ganz unreligiös, aber befreiend und erlösend, wie die Sprache Jesu ...."

Das Bild von der kommenden Kirche ist ein prophetisches Bild, auch gerade, weil es mit der kirchlichen Restauration nach dem Zweiten Weltkrieg so wenig übereinstimmt. Wir haben vieles von dem, was Bonhoeffer hier voraussagt, noch vor uns.


 

16.4.05 22:48


"Sein Andenken sei gesegnet" - Nachruf von Joachim Kaiser auf Carlos Kleiber, SZ

 

Die Angst vor dem eigenen Geniefficeffice" />


Der große Dirigent und geniale Nicht-Funktionierer Carlos Kleiber ist im Alter von 74 Jahren gestorben



Schon seit Jahrzehnten hat die Musikwelt Carlos Kleiber, der seit dem Tode von Leonard Bernstein als größter, aufregendster Dirigent der Welt galt, zu vermissen gelernt. Man ¸¸riss" sich um ihn, versuchte ihn mit beispiellosen Angeboten, (beliebig viele Proben, beliebig viel Geld) doch zum Musizieren zu bringen. Scheiterte fast immer. Allmählich kam es so weit, dass er nur noch einmal im Jahr zu dirigieren schien. Herbert von Karajan, der ihn für ein Genie hielt, bemerkte einst maliziös, es sei doch bedauerlich, dass diesem Künstler die Musik so wenig Spaß mache. Der dirigiere nur, wenn die Tiefkühltruhe nachgefüllt werden müsse.



Alles das ist auf den ersten Blick - und leider auch auf den zweiten noch - nahezu unerklärlich. Denn von jenen Qualen, Kabalen, Zerwürfnissen, Nötigungen und Strittigkeiten, die sich um Carlos Kleibers Karriere teils beklemmend, teils amüsant ranken, war schlechthin nichts zu spüren, wenn dieser wunderbare Musiker dirigierte! Kritiker erfanden dann Neologismen des Lobes, selige Übertreibungen. Als seine Einspielung von Beethovens ¸¸Fünfter" auf den Markt gekommen war, hieß es im amerikanischen Magazin Time, es klinge, wie wenn Homer zurückgekehrt sei, um seine Ilias vorzutragen. Hatte er in München den ¸¸Rosenkavalier" oder die ¸¸Fledermaus" geleitet, dann fühlten sich die Rezensenten ¸¸wie im Paradies". Und eine seither sehr bekannt gewordene Kritikerin befand nach seiner Darbietung der Brahmsschen e-Moll-Symphonie, es sei derart vollendet gewesen, dass ihr nun platterdings alle Worte fehlen . . .



Bis an die Grenzen



So vibrierte Carlos Kleibers Kunst von beschwingter Freiheit und unfasslich gesteigerter Passion, was ihn im ¸¸Tristan" mehr als einmal nicht nur an den Rand eines physischen Zusammenbruchs führte. Zudem entdeckte er immer wieder, gerade bei großer Klassik, jenen Ausgleich, jene Versöhnung zwischen dem Anspruch des Einzelnen, dem Individuellen, Blühenden, und der riesigen Forderung des Ganzen, des geordneten Organischen - wie wir ihn in der Politik leider nie erleben dürfen. Und in großer Symphonik freilich auch nur dann, wenn Meister wie Carlos Kleiber, Wilhelm Furtwängler oder des Dirigenten Vater, Erich Kleiber, den Taktstock führen.



Was aber war denn nun wohl der Grund für all die ¸¸Schwierigkeiten", mit denen Kleiber seine Umwelt in zunehmendem Maße verwirrte? Der sagte Klavierkonzert-Aufnahmen ab, weil ihm plötzlich des Solisten arrogantes Gesicht nicht mehr gefiel. Der verlangte unmittelbar vor einer weltweit ausgestrahlten, überall erwarteten Premiere eine Verdoppelung seines Honorars. Der scheute vor den Selbstverständlichkeiten des Betriebs zurück. Natürlich begreift man, dass ein Künstler seiner Qualität, seiner Dimension, sich nicht den Markt-Mechanismen unterwerfen und von ihnen korrumpiert werden will. Doch hinter Kleibers Trotz steckte noch etwas ganz anderes. Er konnte nämlich, wenn er nur wollte, ausgesprochen witzig-charmant sein. Er hat sogar einmal eine entzückende, nicht unzutreffende Polemik gegen Celibidache als Brief Toscaninis aus dem Himmel an eben jenen Celibidache verfasst, der allerdings nicht in den Himmel käme, sondern dahin, wo besser gekocht werde . . .



Als Karajan in Salzburg für seine Ring-Version den ¸¸Siegfried" probte, saß Kleiber, längst selber ein berühmter Künstler, 14 Tage dabei, um zu lernen. Dass er selber so enorme Schwierigkeiten hatte, vor ein Orchester zu treten, anzufangen, hing gewiss auf der einen Seite zusammen mit dem Vorbild des allzu strengen Über-Vaters Erich Kleiber, der seinem genialen Sohn wahrlich hätte mehr Mut machen sollen, statt ihn zu verunsichern. Freilich sträubt man sich ein wenig zu glauben, ein genial begabter Mensch käme nie über die vielleicht allzu strengen Attitüden jenes Vaters hinweg, dessen berühmte Repertoire-Stücke, wie der von Erich Kleiber uraufgeführte ¸¸Wozzeck", beklemmenderweise auch zu des Sohnes Favoriten gehörten. Wirkte des Vaters Schatten derart verstörend? Oder beseelte den Sohn nicht vielmehr doch, was man salopp ¸¸Angst vor der eigenen Courage" nennt. Nämlich: Angst vor dem eigenen Genie. Sawallisch hat berichtet, wie er den angstvoll zögernden Carlos Kleiber geradezu derb auf die Bühne und zum Dirigentenpult stieß. Dann war alles gut.



Freiheit für das Zarte



Carlos Kleiber war am 3. Juli 1930 in Berlin geboren worden und während der dreißiger Jahre mit seinem Vater nach Argentinien emigriert. Er begann seine Dirigenten-Laufbahn in La Plata. Nach Volontariat und kurzen Kapellmeister-Intermezzi am Münchner Gärtnerplatz-Theater und sodann in Potsdam, war des 36-jährigen Carlos Kleiber erste - und letzte - wirklich wichtige Position die Württembergische Staatsoper in Stuttgart. Dort begann sein Weltruhm. ¸¸Wozzeck", ¸¸Elektra", ¸¸Rosenkavalier", ¸¸Carmen", ¸¸Freischütz" und ¸¸Otello" bot er in Stuttgart mit jener Inständigkeit, jener Freiheit für"s Zarte und instinktiven Kraft für die Großform, die bald niemand mehr künstlerisch zu übertreffen vermochte.



1974 gelang es dann auch den Bayreuther Festspielen, Carlos Kleiber zum ersten und einzigen Mal an sich zu binden. Und zwar gleich für ¸¸Tristan und Isolde", mit der überwältigend musikalisch, trotz allen Furors mädchenhaft naiv und gleichwohl niemals neutral zurückhaltend singenden Isolde der Catarina Ligendza. Gewiss galt Kleiber bereits damals, etwa für seinen noblen Freund Claudio Abbado, als erster ¸¸Tristan"-Dirigent der Welt. Trotzdem dachten so manche erfahrene Bayreuth-Skeptiker, es würde sich angesichts der heiklen Bayreuther Akustik schon herausstellen, dass auch der hochgelobte Carlos Kleiber nur mit Wasser koche. Aber dann zeigte sich: Er kochte mit Feuer. Dinge, die mittlerweile im gegenwärtigen Opernbetrieb immer mehr vernachlässigt, verschlampt werden, nämlich: die sprechende Artikulation auch vermeintlich nebensächlicher musikalischer Phrasen, die poetische Funktion von Pausen, zudem die rätselhafte Tristan-Mixtur aus fast italienischer Kantilenenhaftigkeit und fast atonaler Chromatik - all dem war der 44-jährige Carlos Kleiber unvergesslich gewachsen.



Wir Münchner hatten mit Carlos Kleiber relatives Glück. Er ließ sich doch immer wieder überreden, den ¸¸Rosenkavalier" zu machen, die Johann Straußsche ¸¸Fledermaus" zum Schweben zu bringen, Verdis ¸¸Otello" zu beseelen und notfalls auch bei einer so heiklen Ensemble-Oper einzuspringen, wie es Puccinis ¸¸Bohème" ist. (Übrigens, die von den Snobs belächelten Repertoire-Stücke ¸¸Bohème" oder ¸¸Fledermaus" sind keineswegs simpel.)



Mit Besessenheit



Da Carlos Kleiber mit zwanghafter Besessenheit - wenn überhaupt - fast immer die gleichen Werke dirigierte, fehlt seinem Repertoire leider sehr, sehr viel. Er kannte alle Mahler-Symphonien Ton für Ton - und dirigierte keine. Er war dem Geheimnis von Beethovens symphonischem Ausdruck mehr auf der Spur als alle anderen Sterblichen. Und hat doch nie die ¸¸Neunte" oder eine verbindliche Interpretation der ¸¸Eroica" geboten. Wer ihn nur ein wenig aus der Nähe kannte, fühlte sehr wohl, wie heftig ihn solche Lücken schmerzten.



Umso begieriger erlebten wir mit, wie in noch nicht weit zurückliegender Zeit Carlos Kleiber in ewige Sicherheit zu bringen schien, was Beethovens ¸¸Coriolan"-Ouvertüre und Brahms" vierte Symphonie bedeuten. Diese Werke dirigierte er mehrfach: zunächst in Berlin zum Abschiedskonzert des Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker. Aber auch in Ingolstadt, wo der Vielumworbene mit einem luxuriösen Audi geködert worden war. Und vielleicht am faszinierendsten, als er zu einem runden Geburtstag von Leo Kirch die Gratulanten und den Jubilar mit etwas beschenkte, was allein schon die Existenz des Medien-Großmoguls in versöhnlicherem Licht dastehen ließ: nämlich, vom Bayrischen Staatsorchester gespielt, mit Beethovens ¸¸Coriolan"-Ouvertüre und dem düsteren Brahms.



Auch wenn der immer unsteter und seltener dirigierende Carlos Kleiber unserer Welt schon lange abhanden gekommen schien, jetzt, da sein Tod das Ende zur eiserner Gewissheit macht, spürt man erschrocken die bizarre Beziehung, wie sie zwischen dämonischer Begabung und dämonischem Nichtfunktionieren-Wollen zu bestehen scheint. Ob Benedetti Michelangeli, Glenn Gould, Friedrich Gulda oder eben Carlos Kleiber: Sie alle konnten und wollten nicht, sie vermochten nicht ¸¸mitzumachen". Provozierten nolens-volens Skandale, Enttäuschungen, wunderliches Archiv-Material. Scheußliche Vorstellung, dass auch alle diese Dinge gespeichert wurden und werden. Umso inständiger und leidenschaftlicher sollten darum diejenigen, die das Glück hatten, von der Kunst derart genialer Nicht-Funktionierer berührt zu werden, bezeugen, wie hilfreich, tröstlich und maßstabsetzend Carlos Kleibers Lebensleistung war. Wir sind Zeugen seines Ruhms gewesen, seiner beängstigenden Besonderheit, vor allem aber seiner lodernden Kunst. Seit dem vergangenen Samstag liegt Carlos Kleiber in der ost-slowenischen Kleinstadt Konjsica begraben. Sein Andenken sei gesegnet. JOACHIM KAISER


 

20.7.04 13:01


zum 20. Juli

Die SÜDDEUTSCHE brachte heute folgende Reportage:



Draußen blühen die Rhododendren, die Vögel zwitschern, von den Nachbarn lärmen die Rasenmäher herüber, die die Vorgärten der Häuser im amerikanischen Vermont aussehen lassen wie frisch manikürt. Drinnen ist es ganz still.

Keine Uhr tickt, kein Telefon läutet, noch nicht einmal eine Fliege brummt gegen die Fensterscheibe. Es ist so still, dass man glaubt, Gedanken hören zu können. Die Gedanken dieser Frau, die sich in die tiefen Polster ihrer Couch gelehnt hat. Sie hat die Augen geschlossen. Nur die langen, kräftigen Finger wandern über ihr Gesicht, als ob sie Schleier von der Vergangenheit wegwischen wollte – wie Spinnengewebe.

Die Finger streichen über die Augen, über die Stirn, die Schläfen. Man sieht, wie Erinnerungen auftauchen, sieht, wie sie von der Frau Besitz ergreifen, wie die Lider flattern und die Hände. Jetzt, jetzt wird sie sprechen. Jetzt muss sie sprechen. Da räuspert sich die Frau, sie schlägt die Augen auf und – verstummt.

Nach einer Weile sagt sie mit rauer Stimme: „Es ist unbeschreiblich, wenn es einen trifft.“ So unbeschreiblich, dass sie kaum darüber sprechen kann. Immer noch nicht. Auch heute noch nicht, nach 60 Jahren. fficeffice" />


Der stolze Graf in Sträflingskleidern


Freya von Moltke war 33, als ihr der Mann ermordet wurde. Ermordet, weil er und seine Freunde gewagt hatten zu denken. Mehr war es nicht. Helmuth James Graf von Moltke und seine Frau Freya hatten mit ihren Freunden vom Kreisauer Kreis darüber nachgedacht, wie das Deutschland nach Hitler aussehen sollte.

Sie hatten die Alternative geplant, die Claus Schenk Graf von Stauffenberg am 20. Juli herbeibomben wollte. Freya von Moltke hat Stauffenberg nie getroffen. Und dennoch hat er ihr Leben verändert.

Es muss der Blick gewesen sein, der sie nie wieder losgelassen hat. Der Blick ihres Mannes auf dem Weg ins Gefängnis. Ein Blick ohne ein Wort. Sie stand in der Pforte der Haftanstalt Tegel in Berlin, unerkannt, als er vorbeigeführt wurde, er, der große, stolze Mann, der Graf, in Sträflingskleidern.

Er war ganz nah. Sie schaute ihn an, er schaute sie an. Zwei Verschwörer, die sich ihrer Liebe versicherten, ohne sich zu verraten. Diszipliniert bis ins Herz. „Er wusste, dass ich wusste. Ich wusste, dass er wusste“, sagt Freya von Moltke. Sie deutet von ihrem Sofa auf den Fliederbusch neben dem Haus, vier, fünf Meter entfernt. „Weiter war er nicht weg.“ Es muss dieser Blick sein, der sie bis heute fest hält.


„Mein liebes Herz“


Die Witwen des Widerstands haben nicht wieder geheiratet. Nicht die Frau des Peter Graf Yorck von Wartenburg, nicht die Frau des Adolf Reichwein, nicht die Frau des Adam von Trott zu Solz, nicht die Frau des Hans Bernd von Haeften, nicht die Frau von Klaus Schenk Graf von Stauffenberg. Als wenn sie der Tod der Männer gebunden hätte, für alle Zeit.

Mit 20 hat Freya von Moltke ihren Mann geheiratet, beide studierten sie Jura. Er muss ein durchsetzungsstarker Mann gewesen sein, der mit 22 Jahren mit den Banken verhandelte, um das völlig verschuldete Familiengut Kreisau zu retten. Groß war er, viel größer als sie. „Küssen konnte ich ihn nur, wenn er wollte“, sagt sie. „Oder wenn er saß.“

Die beiden führten meist eine Fernbeziehung, er in Berlin, sie auf dem Gut in Schlesien. Sie kann ihren Mann nicht beschreiben. Sie will es auch gar nicht. „Das ist nicht meine Aufgabe“, sagt Freya von Moltke bestimmt. So, als wenn sie damit etwas preisgäbe von dieser Verbindung, die nur ihn und sie angeht. „Lesen Sie seine Briefe“, sagt sie. „Da erkennen Sie ihn am besten.“


Abschiedsbriefe ohne Adieu


Über 1600 Briefe hat ihr Mann an sie geschrieben – Dokumente einer Ehe, Dokumente des Widerstands, am Ende Dokumente des Glaubens. Moltkes letzter Brief, wenige Tage vor der Hinrichtung geschrieben, ist eine seltsame Mischung aus Erhabenheit und Erdennähe, aus Sorge um die Familie und der Entrücktheit eines Mannes, der schon Abschied genommen hat von der Welt: „Darum kann ich nur eines sagen, mein liebes Herz: möge Gott Dir so gnädig sein wie mir, dann macht selbst der tote Ehemann gar nichts. Seine Allmacht vermag er eben auch zu demonstrieren, wenn du Eierkuchen für die Söhnchen machst oder Puschti beseitigst, obwohl es das hoffentlich nicht mehr gibt.“ Puschti – so hieß im Hause Moltke, wenn eines der Kinder in die Hose gemacht hatte.

Es sind Abschiedsbriefe, ohne Adieu zu sagen: „Ich sollte wohl von Dir Abschied nehmen – ich vermag’s nicht; ich sollte wohl Deinen Alltag bedauern und betrauen – ich vermag’s nicht. Ich sollte wohl der Lasten gedenken, die jetzt auf Dich fallen – ich vermag’s nicht.

Ich kann nur eines sagen: wenn Du das Gefühl absoluter Geborgenheit erhältst, wenn der Herr es Dir schenkt, was Du ohne diese Zeit und ihren Abschluss nicht hättest, so hinterlasse ich Dir einen nicht-konfiszierbaren Schatz, demgegenüber selbst mein Leben nicht wiegt.“


"Wir waren überzeugt von unserem Tun - Wir mussten die Folgen tragen"


Freya von Moltke hat die Briefe alle aufbewahrt, 60 Jahre lang. Sie hat sie auf dem Gut Kreisau in Schlesien vor den Nazis versteckt und vor den Russen – in Bienenstöcken. Sie hat sie nach Südafrika mitgenommen. Dahin ist sie nach Kriegsende mit ihren Söhnen gezogen.

Sie hat sie alle abgeschrieben, als Buch herausgegeben und verwahrt sie nun in jenem kleinen Haus in Vermont, wo sie seit 44 Jahren lebt. Sie holt sie aus dem Büroschrank, letzte Schublade unten links. Es sind kleine Blätter, fast alle DIN A5. Kaum vergilbt, wie gestern geschrieben. In einer gestochen scharfen, winzig kleinen Schrift.


 


 


Freya von Moltke ist jetzt 93 Jahre alt. Sie hat eisgraues Haar, sie hört schlecht, aber sie braucht keine Brille. Sie hat sich mit den Briefen auf ihr Bett gesetzt. Sie liest sie ohne Lupe. Sie kennt sie.

Sie hatten vier Monate, um Abschied voneinander zu nehmen. „Ein Mann und eine Frau. Der Höhepunkt unseres gemeinsamen Lebens – die schwerste Zeit unseres gemeinsamen Lebens“, sagt sie. Sie bereut nichts. Sie nahm es an, wie es kam.


Gang zu Freisler und zur Gestapo


„Wir hatten die Überzeugung, auf der richtigen Seite zu stehen. Wir waren vollkommen überzeugt davon, dass wir das Richtige taten – dann mussten wir auch die Folgen tragen. Dieses Niveau des Lebens habe ich später nie wieder erreicht.“

Sie ist für ihn zu Freisler gegangen, dem Blutrichter am Volksgerichtshof. Sie ist für ihn zur Gestapo gegangen, der gefürchteten Geheimpolizei. Als sie die Treppe hochging im Hauptquartier der SS in der Prinz-Albrecht-Straße in Berlin, war sie ganz kühl.


„Ich hatte einen Auftrag“, sagt sie. „Ich dachte mir nur: Jetzt bist du im Maul des Löwen.“ Sie hatte ihr Kostümchen angezogen, die Frau Gräfin. Sie lächelte freundlich. Sie sah hübsch aus mit ihrem glatten schwarzen Haar und den großen Augen.

Sie spielte die Unwissende. Sie, die alles wusste. Alles unterstützte.

Als sie das Vorzimmer von Gestapo-General Heinrich Müller betrat, unterhielten sich junge SS-Männer gerade über ihre neuen Uniformen. Sie kam ohne Anmeldung, aber sie stammte aus der Familie derer von Moltkes, den Nachfahren des alten Feldmarschalls, den die Nazis verehrten.


"Wir bringen ihren Mann um, aber gegen Sie haben wir nichts"


General Müller empfing die junge Frau. Sie sagte: „Mein Mann ist völlig unschuldig. Er wäre dankbar, wenn Sie ihn empfangen könnten, damit er Ihnen das darlegen kann.“ Der General war höflich, aber er ließ keinen Zweifel: „Nach 1914/18 haben wir unsere Feinde am Leben gelassen, das passiert uns nicht nochmal. Wir werden unsere Feinde vernichten.“

„Herr General“, sagte sie da, „was auch passiert, ich werde meine Söhne in Liebe und Ehrfurcht vor ihrem Vater erziehen.“ Dann ging sie. Der General kam ihr auf den Gang nach: „Wenn das alles vorüber ist, kommen Sie zu uns, wir werden Ihnen gerne helfen“, sagte er. Für Freya von Moltke klang das wie: Wir bringen Ihren Mann um, aber gegen Sie haben wir nichts.

Man muss das aus ihr herauslocken. Sie erzählt das nicht einfach so. „Es war gar nicht mutig, ich habe nur getan, was der Helmuth mich gebeten hat“, sagt sie. Im gleichen Ton, in dem sie davon berichtet, wie sie damals die Milch von Kreisau an die Molkerei geliefert hat.


Im Tod verheiratet


Sie erhebt die Stimme nicht, sie hebt nichts hervor. Für sie war das alles nur Dienst an ihrem Mann.Sonst nichts. Es läutet. Sie steht auf und geht ans Telefon. Ihr Sohn ist dran. Jener Sohn, der einmal sagte, über den Vater sei nicht viel gesprochen worden in der Familie. Aber er sei immer anwesend gewesen. Man kann sicher sein: So ein Satz gefällt Freya von Moltke.

Dreimal hat sie ihren Mann noch gesehen, in der Haftanstalt in Tegel. Immer eine halbe Stunde lang. Hin– und hergerissen zwischen der Hoffnung, dass doch noch die Briten vorrücken und ihn befreien, und der Ahnung, dass der Tod schneller sein werde.

Am 29. November 1944 feierte Gefängnispfarrer Harald Poelchau, ein persönlicher Freund aus dem Widerstand, das letzte Abendmahl mit den Moltkes. Es war wie eine zweite Hochzeit. „Er hat mich auf den Tod hin verheiratet“, sagt Freya von Moltke.


In der Regierung nach Hitler


Helmuth James von Moltke war eigentlich sicher gewesen. Er saß schon in Haft, als Stauffenberg die Bombe zündete – ein besseres Alibi konnte er nicht haben. Moltke war schon Monate vorher verhaftet worden, weil er einen Freund vor der Festnahme gewarnt hatte.

Eigentlich hofften alle, er werde bald freikommen, denn die Nazis hatten nichts gegen ihn in der Hand. Dass er der Motor des Kreisauer Kreises war, wussten sie nicht. Auch nicht, dass er in der Regierung nach Hitler sitzen sollte, dass die Pläne dafür fertig waren, wie Deutschland nach dem Nationalsozialismus aussehen sollte.


 


Es ist nichts aus diesen Plänen geworden – aber allein, dass es sie gab, ist ein historisches Verdienst. Durch das Attentat auf Hitler flogen nach und nach auch die Kreisauer auf. Am 23. Januar 1945 wurde Helmuth James von Moltke hingerichtet. Berlin stand da längst in Flammen.


"Helmuth war das Zentrum meines Lebens"


Sie schrieb tatsächlich: „Mir selbst geht es gut. Meine Kräfte wurden ungemein benötigt. .... Ja, es geht mir gut, ich muss es wiederholen. .... Ich sitze nicht mehr ganz so fest auf dieser Welt und spüre doch, wie sehr ich in ihr gebraucht werde.“

Der Brief an den Gefängnispfarrer stammt vom 1. Februar 1945, neun Tage nach der Hinrichtung ihres Mannes. Geschrieben aus Kreisau, wohin sie zurückgekehrt war. Sie ist für ihre Kinder am Leben geblieben, die damals erst sieben und drei Jahre alt waren. Wie sehr sie gelitten hat, hat sie nie wirklich erzählt.

Sie hat sich wohl auch nichts anmerken lassen. Es ist nicht ihre Art. Einmal, ein Jahr nach der Hinrichtung, in Berlin rauchten noch die Trümmer, hat ihr Bruder sie in die Schweiz eingeladen. Sie saßen auf einer Terrasse, blickten auf einen See. Es war sonnig, es war schön. „Bist du jetzt wieder glücklich?“ fragte ihr Bruder.


Ein Leben lang dem Verstand gehorcht


Sie erzählt nicht weiter. „Helmuth war das Zentrum meines Lebens“, sagt sie und blickt weg. Es dauerte lange, bis sie noch einmal glücklich war.

Freya von Moltke kocht Suppe. Sie steht in der Küche ihres Hauses im kleinen Ort Norwich, so wie damals, als sie den Kindern auf Gut Kreisau Eierkuchen machte. Zupackend. Ohne Umstände. Sie trägt Jeans, eine Strickjacke und feste Schuhe. Sie jätet den Garten und fährt mit ihrem Golf zum Einkaufen.

Vermutlich wurde sie erst wieder lebendig, als sie diesen kleinen, drahtigen Mann kennen lernte.
23 Jahre älter als sie. Einer, der lachte und schimpfte und kämpfte, der auf Herz und Intuition setzte und nicht nur auf Verstand.

Einen Verstand, dem sie ihr Leben lang gehorcht hatte: damals, als sie sich um Kreisau gekümmert hat, weil ihre Schwiegermutter gestorben war und sie deswegen ihre Ehe zu Helmuth nur als Fernbeziehung führen konnte. Nach dem Krieg dann wieder, als sie eigentlich bei ihren Freunden in Berlin bleiben wollte und doch nach Südafrika ging, wo eine kleine Erbschaft auf die Kinder wartete, gute Schulen, Sonne, genug Essen statt rauchender Trümmer und Essensmarken in Berlin.


Eine Sachwalterin zweier Welten


Sie lernte diesen Mann erst sehr viel später kennen. Ende der 50er Jahre. Eugen Rosenstock-Huessy, der schon 1933 aus Deutschland emigriert war und in Amerika lehrte. Ein Mann, der vor lauter Temperament während der Autofahrt die Hände vom Lenkrad nahm, weil er doch mit den Händen erklären musste.

Ein Mann, der klug war, gelehrt, „wahrscheinlich ein Genie“, sagt Freya von Moltke. Jurist, Soziologe, Philosophieprofessor. Ein Mann, der gerne aneckte. Ein „Luther der Soziologie“, sagt der Berliner Theologe Wolfgang Ullmann, der ihn früh erlebte. „Wenn der ein Zimmer betrat, war das Zimmer voll.“

Freya von Moltke zog zu Rosenstock-Huessy, als seine langjährige Ehefrau Margrit starb. Sie verließ Berlin, überquerte den Ozean, zog in sein Haus, alte Freunde sagen: Hals über Kopf.

„Doch“, sagt sie, „das Zusammenleben mit diesem lieben Menschen machte mich glücklich. Mit dem alten Eugen war ich glücklich.“ 13 Jahre waren ihr mit ihm vergönnt. Sie ahnte, dass er vor ihr sterben würde. Und sie fürchtete es: „Den begraben zu müssen, das halte ich nicht aus, dachte ich.“


Es kam völlig überraschend. Kohl rief an.


84 war Rosenstock-Huessy, als er starb, seine Gefährtin war erst 61. Nie hat sie die Beziehung zu Rosenstock als Konkurrenz zu ihrem Mann empfunden. „Das war ganz was anderes“, sagt sie. „Ich bin ein Teil von Helmuth.“

Für sie war immer klar: Es gab die Moltkes und es gab die Rosenstock-Huessys. Sie hat sich eine ganz eigene Synthese ihrer verschiedenen Leben geschaffen. Ihr Bett und ihren Computer hat sie in das alte Arbeitszimmer von Rosenstock gestellt, von hier aus schreibt sie die Briefe in Sachen Kreisau. Und in Sachen Rosenstock. Eine Sachwalterin zweier Welten.

Es kam völlig überraschend. Kohl rief an. Bundeskanzler Helmut Kohl. Er wollte einen der Moltkes dabei haben bei der Versöhnungsmesse zwischen Deutschen und Polen, die ausgerechnet auf Gut Kreisau stattfinden sollte.

Und der Enkel von Freya von Moltke war gerade in Europa. 1989 war das. Doch Kohl hatte sich getäuscht. Freya von Moltke wollte nicht, dass die Familie einfach zurück geht nach Kreisau. Nicht als Girlande des deutschen Kanzlers. Nicht, als wenn die Moltkes ihr Gut – und wenn auch nur symbolisch – zurückerobern wollten. „Ich gehe erst, wenn die Polen mich einladen“, sagte sie. Der Enkel gehorchte der Großmutter. Kohl musste allein nach Kreisau reisen.


 


Auf den Stufe des Schlosses


Die Polen luden sie dann sehr schnell ein, und Freya von Moltke bekam ihre letzte große Aufgabe. Sie wurde die Seele eines deutsch-polnischen Begegnungszentrums, das jedes Jahr 4000 Jugendliche aus Europa zusammenbringt – im Geiste des Kreisauer Kreises.

Der oppositionelle Katholische Intelligenzclub in Breslau hatte Kreisau entdeckt, dann machte sich Tadeusz Mazowiecki, der erste demokratische Ministerpräsident Polens nach der Wende, den Gedanken zu eigen. Jedes Jahr war Freya von Moltke seitdem einmal dort.

Nie aber hat sie auf dem Gut übernachtet, um nur ja nicht die Angst zu nähren, die Moltkes wollten Kreisau zurück. Nie schwang sie das große Wort, sondern saß still auf den Stufen des frisch renovierten Schlosses. Sie war einfach nur da, das genügte. Bis jetzt.


Geben, nicht zurückfordern


Gerade hat sie wieder eine Mail losgeschickt von ihrem Computer neben dem Bett. Einen Dankesbrief muss sie noch schreiben, an Richard von Weizsäcker, auch an Gesine Schwan. Der Alt-Bundespräsident und die Präsidentin der Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) haben zugesagt, im Kuratorium ihrer Stiftung zu sitzen: der Freya-von-Moltke-Stiftung für das neue Kreisau.

Noch einmal unternimmt Freya von Moltke einen neuen Anlauf: Sie will mit der Stiftung den Betrieb der Jugendbegegnung sichern, die akut von Geldmangel bedroht ist. Sie will Kreisau nicht zurück wie viele Adelige, die ihre Besitztümer in Polen erstreiten wollen – im Gegenteil: Sie will Kreisau etwas geben. Den 20. Juli nutzt sie, um die Aufmerksamkeit auf Kreisau zu richten. Deswegen macht sie noch einmal die große Reise über den Atlantik.


"Das Da-Sein ist so mühsam"


Dann will sie irgendwann aber auch ihre Ruhe haben. Mit 90, gut, da hat sie all die Aufmerksamkeiten noch entgegen genommen. Aber dann wurde sie 91, 92, 93 Jahre alt. „Vielleicht ist es ja undankbar“, sagt sie leise. „Aber ich habe eigentlich genug. Ich freue mich nicht mehr auf jeden neuen Tag. Mein Leben ist zu lang. Das Da-Sein ist so mühsam. Es ist genug. Aber ich werde ja nicht gefragt.“

Wir fahren auf den Friedhof von Norwich. Ein hügeliges Gelände, mit typisch amerikanischen Grabstätten: eingelassene Steine im Rasen. „Da liegen die Rosenstocks“, sagt sie und deutet auf ein kleines Geviert. Ihren Gefährten hat sie im Tod seiner Frau zurückgegeben.

Sie selbst hat sich einen Platz dreihundert Meter weiter gekauft, auf einem Hang mit Blick auf die Hügel von Vermont, die den Hügeln um Kreisau so ähnlich sehen. Auf dem Stein wird nur „Freya von Moltke“ stehen und der Zusatz „wife of Helmuth James von Moltke“. Ihr Mann hat kein Grab, seine Asche wurde 1945 auf den Rieselfeldern von Berlin verstreut.


 

20.7.04 00:11


zur zeitgenössischen Oper

Claus Spahn hat in der ZEIT den folgenden Aufsatz über die neuesten Opernschöpfungen geschrieben. Was Ferneyhoughs Werk betrifft, das ich gehört habe, ist dem Text zuzustimmen: er trifft die verfahrene Situation recht gut:



Oper


Bombe im 57. Stock


Die zeitgenössische Oper hat ein schwindelerregendes Abstraktionsniveau erreicht. In neuen Stücken von Mark André, Brian Ferneyhough und Adriana Hölzsky liegen Gipfelsturm und Absturz ganz dicht beieinander



 


 














 

Ingeborg Bachmann nannte es die
„Gegenzeit“. So hat sie 1958 in ihrem
Hörspiel Der gute Gott von Manhattan
die totale Grenzüberschreitung bezeichnet.
Eine Grenzüberschreitung durch die Liebe,
weit über das Leben hinaus. Zwei Fremde
ohne Ziel, ein Mann und eine junge Frau,
laufen sich in den Straßenschluchten von
Manhattan über den Weg und steigen in
einem schäbigen Stundenhotel ab. Gepackt
von existenzieller Einsamkeit, Selbstverlorenheit und Leidenschaft finden sie zueinander, steigern sich in einen Rausch der Zuneigung, mieten sich von Nacht zu Nacht in immer höheren Stockwerken des Hotels ein – bis sie in der allerletzten Etage, dem 57. Stock, am Endpunkt ihres Höhenfluges angelangt sind. „Ich bin mit dir und gegen alles. Die Gegenzeit beginnt“, sagt er. Es tritt der gute Gott von Manhattan auf und stellt eine Kofferbombe ab. Sie detoniert als erlösende Befreiung von allen irdischen Zwängen und als Auslöschung aller Utopie.


Auch Adriana Hölzsky, die in Stuttgart lebende rumänische Komponistin, sucht immer nach dem Schritt in die ekstatisch gefährliche Gegenzeit. Lange hat sie sich nach einem Sujet für ihre jüngste Oper umgesehen, bevor sie sich für den Bachmann-Stoff entschied. Wobei ihr Interesse weniger den tristanesken Liebesrauschmotiven gilt als vielmehr dem Schluss. Sie entwickelt die Geschichte aus dem Moment der großen Detonation und jagt das enigmatische Dichterhörspiel in die Luft. Sie schlitzt es auf, pulverisiert es, nagt hässliche Löcher in die schönen Stellen. Die Formen zersplittern in ihrer Oper. Die Perspektiven in ihren imaginären Klangräumen kippeln wie Wackelbilder. Und dem Zuhörer fliegen die musikalischen Brocken nur so um die Ohren: verschepperte Blechbläserklänge, ausgefranste Cembalotriller und schwarzes Trommelgrollen, gehäckselte Koloraturen und hysterisch stampfjaulende Choreinschübe. Als wolle die Komponistin mit ihrer Partitur den gedehnten Moment eines einzigen großen Auseinanderbrechens in Klang setzen. Der gute Gott von Manhattan ist ein chaotisch rumorendes Stück, und wie immer bei Adriana Hölzskys Bühnenwerken kann man sich fragen, ob das, was da bei den Schwetzinger Festspielen als Uraufführung durch das kleine barocke Schlosstheater tobt, noch viel mit dem Begriff Oper zu tun hat. Hölzskys Fantasie kommt überhaupt nur in Fahrt, wenn sie die obersten Knöpfe drücken kann in dem Aufzug, der weg führt von den Konventionen der Gattung. Musiktheater muss bei ihr immer hinauf in den 57. Stock – und noch ein bisschen höher.


Geschichten werden nicht mehr erzählt


Da ist sie nicht die Einzige. Die Großstadtdesperados in dem Bachmann-Stoff, die sich der Welt entfremden und in immer schwindelerregenderen Hochetagen Unterschlupf suchen, beschreiben auch den Weg, den die moderne Oper insgesamt genommen hat – immer weiter weg vom wirklichen Leben, immer höher in die hermetischen Sphären der Kunst. Das zeitgenössische Musiktheater spielt sich heute in einer atemberaubenden Abstraktionshöhe ab, und die formensprengende Kofferbombe möchte jeder Komponist erneut auf seine Weise zünden.


Schöne Geschichten werden in der Gegenwartsoper schon lange nicht mehr erzählt. Der leidende, singende Held von einst, zu dem sich der Zuschauer identifikatorisch hingezogen fühlte, hat ausgedient. Überhaupt ist Gesang keine Selbstverständlichkeit mehr. Das multipel aufgespaltene und mehrfach auf der Szene erscheinende Opern-Ich ist ebenso erfunden wie das bildlose Hörtheater in imaginären Klangräumen. Die verarbeiteten Texte werden semantisch aufgebrochen und bis in ihre lautsprachlichen Energien hinein ausgehört. Und die Entwicklung geht immer weiter.


Das hat dem zeitgenössischen Musiktheater eine krasse Außenseiterposition eingetragen. In den Stadttheaterkontext lässt es sich kaum noch integrieren. Ein größeres Publikum ist über die Expertenszene hinaus schwer zu gewinnen, obwohl die Werke in ihrer experimentellen Kraft immer wieder zu großen Kunstabenteuern avancieren. Die Position des gesellschaftlichen Off, aus der heraus die Komponisten schreiben, bleibt für die Stücke nicht ohne Folgen: Isolation, Unverstandensein, das Scheitern in und an der Welt schlägt sich in der Musik nieder. Die Komponisten schreiben an gegen die große Oberflächlichkeit und glatte Konsumierbarkeit. Sie behaupten ihre eigenen, nicht leicht zugänglichen Orte der Fantasie. Sie lassen nicht locker in dem Anspruch, den unübersichtlichen Verhältnissen in der fortgeschrittenen Moderne auch entsprechend komplexe Kunstwerke zur Seite zu stellen. Angesprochen auf den Umgang mit der Zeit in ihren Kompositionen, hat Adriana Hölzsky einmal darauf hingewiesen, dass heute jeder „sein eigenes Drama, seine eigene Erlebniszeit“ in sich trage. Höchst unterschiedlich sei etwa die Zeiterfahrung im Krieg für die bombardierenden Piloten in der Luft und für die Menschen unten auf der Erde, die die Explosion in quälend gedehnten Sekunden wahrnähmen. „Aber genau dieses Gewirr verschiedener Zeiten, dieser schwindelerregende Wechsel der Perspektiven, betrifft im Kern mein Komponieren.“


Natürlich gibt es auch Komponisten, die ihre Stücke wieder mehr am Musikdrama des 19. Jahrhunderts auszurichten versuchen oder an der gu-ten alten Literaturoper festhalten. Sie aber haben bei der Münchner Biennale für zeitgenössisches Musiktheater kaum Chancen, seit Peter Ruzicka die künstlerische Leitung des von Hans Werner Henze gegründeten Festivals übernommen hat. Während Ruzicka als amtierender Festspielchef in Salzburg ein gemäßigtes, abenteuerarmes Programm durchwinkt, können ihm in München die Projekte nicht ehrgeizig genug sein bei der Suche nach der von ihm propagierten „zweiten Moderne“. In der diesjährigen Biennale-Ausgabe hat er (neben weniger auffälligen Uraufführungsproduktionen von Johannes Maria Staudt, Qu Xiao-song und Vykintas Baltakas) seine bislang stärksten Verfechter dieses erneuerten Avantgardeanspruchs ins Programm geholt: den französischen Komponisten Mark André und den Engländer Brian Ferneyhough. Der eine ist ein Schüler von Helmut Lachenmann, der andere ist 61, Lehrer in Stanford. Gemeinsam mit Adriana Hölzsky sind sie angetreten, um zu zeigen, dass das zeitgenössische Komponieren keineswegs in die Endlosschleifen der Postmoderne eingeschwenkt ist, dass es ein Weiterkommen sehr wohl noch gibt. Allerdings scheint es gebunden an die Betrachtung des Katastrophischen, keiner kann den Blick lassen von den Abgründen der Gegenwart. Es ergeht ihnen wie dem „Engel der Geschichte“ in Walter Benjamins berühmter Interpretation des Bildes von Paul Klee: Vom Fortschrittssturm, der sich in seinen Flügeln verfangen hat, wird er in die Zukunft geblasen, aber mit weit aufgerissenen Augen starrt er auf die Trümmer der Vergangenheit.


Düstere Endzeitvisionen offenbaren alle drei Werke, wenn auch in unterschiedlichem Lichteinfall: Hölzskys kreischender Dekonstruktivismus mit ihrem hysterisch jaulenden Countertenor-Gott als Zeremonienmeister lustvoller Zerstörung wirkt da am grellsten und hellsten, fast fröhlich. André hat demgegenüber ein brütendes, nachtschwarzes Untergangsszenario imaginiert. Und Ferneyhough arbeitet sich am gescheiterten Leben Walter Benjamins ab: Er schickt die leuchtenden Denkstrahlen des Kulturphilosophen durch das Prisma seines musikalischen „Komplexismus“ und lässt die Zuhörer das Spiel der Brechungen beobachten.


Der Mensch richtet sich zugrunde durch das, was er selbst schafft. Mark André hat das an einem Schachspiel festgemacht. 1996 verlor der Weltmeister Gary Kasparow spektakulär gegen den IBM-Computer Deep Blue – ein erster Triumph der künstlichen Intelligenz über den Menschen. Er hat die Zeichen der Zeit aber auch mit Hilfe der Bibel erkannt. Texte aus der Offenbarung des Johannes hat er in sein Stück integriert und es nach einer Versstelle aus der Apokalypse …22,13… genannt. Außerdem stand ihm beim Komponieren Ingmar Bergmanns Film Das siebte Siegel vor Augen, in dem der Kreuzritter Block Schach gegen den Tod spielt und verliert.


Angesichts von so viel hochgetürmtem Zivilisationspessimismus wundert man sich, dass der Franzose überhaupt zu einer Musik gefunden hat. Es ist ein Raunen, Heulen, Quietschen und Zarttönen, mit kaum hörbaren gewisperten Texten und Vokalisen, in das die Texte und das Assoziationsmaterial eingesunken sind. Dass die legendäre Schachpartie mit den impulsgebenden Zügen und den Grübelpausen phasenweise als minutiöser Strukturplan für das Klanggeschehen dient, kann man nur beim Lesen der Partitur erkennen, hörend nachzuvollziehen ist es kaum. Die Musiker sind im Karree um das Publikum postiert, es dominieren die dunklen Instrumentalfarben, Schnarchklänge der Kontrabässe, Grollgeräusche der tiefen Blechbläser. Live-elektronisch werden die Töne verarbeitet und irrlichtern im Raum.


Die Referenzstücke von …22,13… sind offenkundig: Luigi Nonos „Tragödie des Hörens“ Prometeo klingt von Ferne mit und Das Mädchen mit den Schwefelhölzern von Helmut Lachenmann, bei dem André offenkundig den luziden Umgang mit Reibe-, Kratz- und Luftgeräuschen gelernt hat. Musik „am Rande des Verstummens“, wie der Franzose sie konzipiert, hat das 20. Jahrhundert schon reichlich hervorgebracht. So eigenständig sein Komponieren ist, einen wirklich neuen Ton hat er mit dem Stück nicht gefunden, eher schon ein suggestives Zeitmaß – quälende Superzeitlupe.


Der Regisseur der Uraufführung, Georges Delnon, hat das aufgegriffen und lässt eine Reihe schwarzer Schachquadrate auf der leeren Spielfläche langsam vorüberziehen, hinter denen Menschen auftauchen und wieder verschwinden – stumme Kreaturen, die herumstehen, liegen, kriechen, expressiv die Glieder verdrehen und an unsichtbaren Lasten schwer zu tragen haben. Schachfiguren, die man nach dem großen Matt noch nicht vom Brett geräumt hat.


Wäre Deep Blue kein Schachcomputer, sondern eine mit der kompletten Musikgeschichte und allen Kunstgriffen moderner Verarbeitungstechniken gefütterte Tonsetzermaschine, gäbe es nur einen Komponisten, den man mit Siegchancen gegen ihn antreten lassen könnte – Brian Ferneyhough. Man muss nur einen Blick in seine Partituren werfen, um zu ahnen, was in seinem Kopf so alles vorgeht. Beschriebenes Notenpapier des Engländers ist auf den ersten Blick wie ein Schock – ein Gewimmel von Noten auf engstem Raum, ein undurchdringlich gezacktes Liniengestrüpp, zusammengehalten durch dicke Zweiunddreißigstel- und Vierundsechzigstel-Balken. Auf labyrinthische Weise sind die Dinge ineinander verschlungen und durch schwer durchschaubare Bezugssysteme miteinander vernetzt. In Ferneyhoughs Kompositionen muss alles furchtbar schnell gehen und immer aberwitzig viel gleichzeitig passieren. Die Intervallsprünge greifen extrem weit aus, ständig variiert das Metrum. Die notierten Rhythmen sind schier irrational, wenn auf wenigen Takten polymetrische Überlagerungen im Verhältnis 7:4, 14:9 und 12:9 parallel verlangt werden, zu spielen mit zwei Händen am Klavier und über allem ein leichtes Rallentando im Tempo.


Ferneyhough pocht in seiner Musik auf die unbedingte Herausforderung (und Überforderung) aller geistigen Kräfte. Er schreibt das Erbe von Anton Webern und den Serialisten fort. Er besteht auf dem Fortschritt des Materials. Aber ein bisschen scheint neben der Lust am elaborierten Denken seine Hand auch geführt zu werden von der Furcht, den selbst gesteckten hohen Ansprüchen nicht genügen zu können, so strukturell überabgesichert wirken seine Werke. Als müsse er sie unangreifbar machen und gegen die Niederungen des wirklichen Lebens regelrecht abdichten. In der fünften Szene seiner ersten Oper Shadowtime, die ebenfalls in München uraufgeführt wurde, habe er gut 800 Jahre abendländische Musikgeschichte im Schnelldurchlauf durchmessen und im letzten der elf Teile die Form von Beethovens Großer Fuge auf eine Zeitspanne von 48 Sekunden komprimiert. So klingt dann auch seine Musik: expressiv verdichtet bis zum Gehtnichtmehr, überbordend gedankenreich, kristallklar funkelnd, aber auch einschüchternd und unnahbar.


Durch den großen Dekonstruktionsschredder


Wer aus einer Aufführung von Shadowtime kommt und gefragt wird, worum es in dem Stück geht, hat ein Problem. Es geht nämlich um alles, um das große Ganze der Kunst und der Philosophie und der Moderne und insbesondere um Walter Benjamin, aber nur am Rande um dessen Biografie, die mit dem Selbstmord 1940 in Port Bou auf der Flucht vor den Nationalsozialisten endete. Ferneyhough hat selbstverständlich nicht die Leidensgeschichte Benjamins in Töne zu kleiden versucht, sondern dessen Theorien. Er nennt seine Komposition eine „Gedankenoper“.


Von dem amerikanischen Poeten Charles Bernstein hat er sich eine Textkomposition als Libretto schreiben lassen, die durch den großen Dekonstruktionsschredder gedreht ist. In sieben Szenen ist das Stück gegliedert, die jeweils Benjaminsche Aspekte umkreisen. Ein Gitarrenkonzert reflektiert in stürzender, fragmentierter, immer zu kurz „abgeschnittener“ Motivik den „Engel der Geschichte“. Ein Klaviersolo mit gesprochenen Texten ist als Abstieg in die Hölle der entfesselten Kulturindustrie gedacht. In Doktrin der Ähnlichkeit erklingen 13 kunstvoll gesetzte Kanons eines 48-stimmigen Chors. Einmal muss Benjamin (den es als Bühnenfigur nur ansatzweise gibt) Befragungen von Papst Pius XXII., Albert Einstein und Adolf Hitler über sich ergehen lassen. Mit einem Requiemsatz Stelen für die verfehlte Zeit endet die Oper. Und lässt den Zuhörer erschlagen von so viel musikalischer Informationsdichte zurück. Dem Regisseur Frédéric Fisbach ist es offenbar nicht viel anders gegangen: Hilflos hat er mit Schattenspielen, gezeichneten Riesenprospekten und gesichtslosen Puppen versucht, ein bisschen Bildersalat über der erratischen Komposition auszuschütten.


Peter Ruzicka hat die Uraufführung vorab als einen historischen Termin des neuen Musiktheaters angekündigt. Aber der war es allenfalls, was die Leistungen der Ausführenden um den Dirigenten Jurjen Hempel und die Neuen Vocalsolisten Stuttgart angeht – Unglaubliches haben sie vollbracht. Das Stück selbst hat einen kleinen Systemfehler: Es will von der Bühne, für die es komponiert ist, nicht viel wissen. Ferneyhough lässt sich auf keinen Flirt ein mit der von jeher promiskuitiv, halbseiden und verführerisch daherkommenden Kunstform Oper. Er hat seinem Komponierstil via Text und Bild nur ein paar weitere Strukturschichten hinzugefügt. Als ob es ausgerechnet daran gemangelt hätte.


6.6.04 17:37


THE DAY AFTER TOMORROW

Keine Panik


„The Day After Tomorrow“ ist ein Katastrophenfilm, der Familientrost spendet



Katastrophenfilme der letzten Jahre hatten oft Helden, die in Krieg und Chaos erst zu sich selbst fanden. Todesnähe und Ausnahmezustand schaffen einen Zuwachs an Lebendigkeit. Richtiges Leben gibt es nur im falschen. Solch Warrior-Existenzialismus war in Filmen wie Danny Boyles 28 Days Later die große Attraktion fürs adoleszente Publikum und dessen ungute Anfälligkeit fürs ewig Ernst-Jünger-hafte. Roland Emmerichs The Day After Tomorrow richtet sich nun eher universalistisch warnend im Stile der Siebziger an eine rationale Diskursgesellschaft, allerdings eine, die auf der Ebene des Tigerentenclubs diskutiert.


Bei ihm ist die Katastrophe kein geil lebensbedrohlicher Kick, sondern folgt der guten alten Logik einer verkehrten Welt. Dem irren Wetter der Klimakatastrophe entspricht, dass auch sonst alles auf dem Kopf steht: Die vor der Eiszeit nach Süden fliehenden US-Bürger werden etwa an der mexikanischen Grenze von Bewaffneten zurückgewiesen. Solche 180-Grad-Umkehrungen der Normalität suggerieren natürlich, dass, wenn alles wie gewohnt zuginge, die Welt auch insgesamt in Ordnung wäre. Wäre das Wetter wieder normal, würden auch wieder die Mexikaner an der Grenze umkommen, und das wäre genauso in Ordnung wie der Umstand, dass es in Südkalifornien niemals regnet.


Fast ein Drittel seiner Länge nimmt sich der Film daher Zeit, um in Mikro-Episoden aus allen Teilen der Welt zu zeigen, wie Leute normale Dinge tun, am Nudelstand stehen (in Tokyo) oder unrasiert frühstücken (in Washington D. C.), während plötzlich das Wetter verrückt spielt. Nach 30 Sekunden Hagel der nächste Schauplatz. Beim klassischen Katastrophenfilm nennt man solche eilig springenden Einführungen „Meanwhile-Dramaturgie“. Nach Art der Konferenzschaltung wird etwa in den Airplane-Filmen immer wieder in andere Sitzreihen geschnitten, wo die Alkoholikerin, der Football-Star oder das alleinreisende, tapfere Kind nicht ahnen, was ihnen in diesem Flugzeug noch bevorsteht. Hier ist das abstürzende Flugzeug aber das ganze Raumschiff Erde. Und führerlos ist es auch.


Vermeintlich genau wie im wirklichen Leben wird auch diese USA von einem bornierten Vizepräsidenten regiert. Der Führer hat von allem nichts gewusst. Der legitime Präsident geht schon bald über die Wupper. Zu Beginn sterben die Leute aber noch lustige Tode. In Los Angeles etwa werden sie von Reklametafeln erschlagen. Dass es richtig ernst wird für alle, merken wir daran, dass das relevante Personal auf eine Familie zusammenschrumpft. Mutter (Ärztin), Vater (Klimatologe) und Sohn (Elitestudent, in kulleräugiges Mädchen verliebt) retten mit Opfermut und Tatkraft Reste der Welt – und natürlich den tapferen krebskranken kleinen Jungen. Das Springen zwischen den Schicksalen hört jetzt auf. Obwohl die ganze nördliche Hemisphäre dran glauben muss, bleiben wir in New York und Umgebung.


Diese und andere Weltstädte mit ihren Spektakelarchitekturen und Signature-Skylines werden gern als Verdichtung eines tendenziell sterbenden Sozialen und als reine Repräsentation des allmächtigen toten Kapitals gelesen. Kulturkritiker, Kinoregisseure und Terroristen sind sich da einig. Der Reiz, stellvertretend für die versteinerten Verhältnisse deren steinerne, stählerne und gläserne Architektur zu sprengen, speist den klassischen Katastrophenfilm der Siebziger und Achtziger und dessen unterschwellige bis populistische Kulturkritik. Auf diesen populären Bildervorrat hat sich bekanntlich auch der Terrorakt gegen New York bezogen. Dies ist nun der erste Old-School-Katastrophenfilm, der die Bilder des 11. September re-integriert in den Hollywood-Fundus. Die sich langsam durch die Straßenschlucht Manhattans wälzende Flutwelle ähnelt der Staubwolke nach dem Einsturz der Twin Towers fast bis zum Zitat. Aber fordert eine neue Eiszeit nicht den ganzen Landschaftsmaler und daher ganz neue Bilder?


Stattdessen bringen es die weißen Totalen kaum bis zu den Erhabenheitseffekten des B-Films. Was ist schon dieses eingeschneite Nordamerika gegen die von Mörderspinnen zu einem einzigen Kokon versponnene Erde in dem Genrefilm Mörderspinnen greifen an von John „Bud“ Cardos, um nur ein willkürlich herausgesuchtes Beispiel für Trash-Erhabenheit zu nennen? Ganz vergeblich hauchen die seit David Lynch unvermeidlichen, körperlosen Sopranchöre in Emmerichs Film das musikalische Äquivalent des amerikanischen Allzweckausrufs „Oh, my God!“


Seinem Gegenstand bleibt Roland Emmerich komplett äußerlich. Nur die Suche der Meteorologen nach Mustern und Verkettungen statt nach einem Zentrum der Bedrohung erinnert an veränderte Verhältnisse. Das globale Wetter gleicht in The Day After Tomorrow eher einem Terror-Netzwerk als einem Konkurrenten um die Weltherrschaft. Plot und Psychologie hätten aber genauso gut zum Angriff elektrisch geladener Regenschirme gepasst. Trotzdem hat der Film, will man den einschlägigen Korrespondenten glauben, in den USA eine überfällige Diskussion ausgelöst. Da konnten sich also Wissenschaftler und Aktivisten bisher den Mund fusselig reden: Erst ein drittklassiger Film verschafft alten Empörungen über die Umweltpolitik der USA spätes Gehör. Tatsächlich haben wir es hier mit einer Schwundform von Öffentlichkeit zu tun, deren Auswirkungen die Gefahren einer Klimakatastrophe weit übertreffen.


30.5.04 19:27


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