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KünstlerInnen, Musik und MusikerInnen
TREFFPUNKT TODESBRÜCKE
Ja ja, ich weiß schon. Man sollte nachts zwischen zwölf und halb drei nicht unbedingt vor dem TV hocken - was tun aber, wenn ich die ganze Woche umherstrolche und dann am Samstag auch noch knapp 4 Stunden FLEDERMAUS zu dirigieren habe? Irgendwann ist einfach eine Injektion Unterhaltung fällig - welcher Art auch immer.
Der Name Sophia Loren war der Zündfunke, der mich kurz nach Mitternacht hinderte, ins Bett zu wandern. Die hat doch ab und an ganz anständige Filme gemacht. Wie ich soeben dem Filmportal www.cinema.de entnahm, dachte die Kritik damals nicht sehr schmeichelhaft über den Streifen TREFFPUNKT TODESBRÜCKE (D/I 1977):
"Europas Antwort auf Hollywoods Katastrophenfilmwelle ist nur ein müder Abklatsch."
Ein sehr spannender Abklatsch, fand ich. Dramaturgisch hatte jedes kleinste Detail im weiteren Verlauf einen tieferen Sinn. Ich saß gebannt vor dem Schirm. Jede Figur mit einer nachvollziehbaren eigenen Geschichte (besonders eindrucksvoll beim zunächst pittoresk daherkommenden polnischen Juden Kaplan, der sich am Ende als Prophet und sogar sich selbst opfernder Retter erweist - und auch das ist völlig ohne Pathos geschildert). Fast jede Geschichte mit einer interessanten Wendung gegen Ende. Respekt - da sind eher die Busfahrten von Sandra Bullock mit Bömbchen unter dem Auto ein Abklatsch.
Eine tatsächlich sehr europäische Antwort, die eine Katastrophenstory in einen geschichtlichen und dramaturgisch sehr vielfältigen Kontext stellt. Sophia Loren selbst übrigens - anfänglich sehr mondän und großspurig - durchläuft eine Entwicklung hin zur einfachen Menschlichkeit. Das gelingt nur bedingt. Sie bleibt etwas blaß. Am Ende zeigt der Film zwei Versionen: die gute Lösung - aber auch die Katastrophe, die letztere könnte eine Vision der Jennifer-Figur sein (Loren). Typisch europäisch: Vorhang zu und alle Fragen offen... Aber ein Film mit dieser - aus heutiger Sicht geradezu visionärer - Thematik sollte nicht durch ein happy-end süßlich werden.
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Opernwahnsinn
Zitate - von Zeitungsleser akribisch gesammelt und notiert:
Neues von (und zu) „Anna“: Für Ende August 04 ist ein Galakonzert in Berlin geplant Zur Zeit arbeitet sie an eine neuen CD mit Abbado und dem Mahler Chamber Orchestra (Verdi und Bellini) Aus der Kartenbörse – Suche im BSO Forum: „Zahle (fast) jeden Preis“ „Akzeptiere alle Platzarten“, „Zahle mehr“ „München im Anna-Netrebko-Fieber: Selbst Morning-Man MikeThiel hat es erwischt. „Toll, wie diese Frau in die Höhen geht." Münchens populärster Radio-Moderator sucht Hände ringend zwei Karten und hat etwas anzubieten, was mindestens genauso rar ist: zwei Haupttribünen-Tickets für den Champions-League-Hit Bayern gegen Real Madrid.“ „Die Tickets für die beiden letzten Darbietungen heute Abend und am Montag in der Staatsoper werden im Internet zu Wahnsinns-Preisen gehandelt. Auf e-bay werden für eine Karte (Parkett, Reihe 4) sogar 403,02 Euro geboten. Wahrscheinlich wird`s für den Netrebko-Fan aber noch teurer, denn die Auktion läuft noch bis heute Abend“ Anna: In München fehlen Nachtclubs: Die AZ widmet diesem Thema ein ganze Seite unter dem Motto „Hat Anna recht?“ Aus der AZ vom 29.01.04 Die tz berichtet ausführlich (mit Fotos) vom Gespräch mit Anna im Gasteig – es gab sogar eine Bildübertragung nach draußen, da die Plätze in der Black Box nicht ausreichten! „Die Netrebko hautnah, ohne Kostüm und Maske: ein Erlebnis. Enger schwarzer Rock zum engen schwarzen Pulli, das Haar schlicht zusammengebunden, bis auf zwei diskrete Ohrstecker kein Schmuck - diese Frau braucht keinen Schmuck. Die ist Schmuck. Tiefdunkel blitzende Augen und im Lächeln ein natürlicher Charme, der ganz von heute ist und gleichzeitig ein bisschen Märchenprinzessin. Die lässt sich auf einem Motorrad-Rücksitz auf der Leopoldstraße ebenso gut denken wie in einer Schneewittchen-Verfilmung.“ „Ich wollte einfach lernen zu singen. Obwohl es damals niemanden gegeben hat, der mir sagte, dass ich eine besondere Stimme hätte. Viel öfter hat man mir gesagt, dass ich keine Stimme habe." Sie ist wie ein Pop-Star der klassischen Musik geworden, sogar eine Clip-DVD von ihr gibt es schon. Ob das die jungen Leute zur Klassik ziehen kann? „Als ich 15 Jahre alt war, da habe ich klassische Musik überhaupt nicht gemocht. Aber irgendwie hab ich das geschafft - und wenn ich das geschafft habe, dann werden es andere auch schaffen." „Als ich noch jünger war, da hab ich manchmal gehört: Du bist so schön, du hast so ein schönes Kleid an... und kein Wort darüber, wie ich gesungen habe. Da war ich schon beleidigt. Aber heute ist das selten geworden." Zu Kusej (Donna Anna in Salzburg) „Ich wusste einfach nicht, was will der eigentlich? Der kann nicht einfach sagen: Geh da hin, setz dich und stirb. Es war sehr schwer, ihm zu glauben. Und erst bei der letzten Probe, wo alle verstanden hatten, was er will - da haben wir alle diese Vorstellung geliebt. Aber geben Sie zu: Das ist doch besser, als alle haben sich von Anfang an lieb - und am Schluss ist es dann Mist." Verlegen macht es sie dagegen, ganz offensichtlich, den Einspielungen ihrer eigenen Stimme zuzuhören. Da hört sie schon lieber ihren Lieblingskomponisten: Richard Wagner. „Ich werde ihn nie singen, aber ich kann ihm stundenlang mit offenen Augen und offenem Mund zuhören. Und das wird mir nie langweilig." Und dann geht die Unermüdliche und signiert CDs, Eintrittkarten oder was sonst nur irgendwie zu beschreiben geht. Die Fans sind selig. tz vom 29.01.04 R.May „Ihre Antworten, in einem Russisch, das tausendmal betörender klingt als ihre Arienstimme, sind brav, ihr Gesichtsausdruck ist es nicht. Ständig zappelt sie herum, schwätzt mit der kongenialen Dolmetscherin Julia Bondar, wenn die Fragen zu fad sind oder der Musikausschnitt zu lang ist. Anna weiß sehr genau, was sie will. Etwa eine Pause wäre schön.“ http://www.sueddeutsche.de/sz/muenchnerkultur/red-artikel2416/ „In all dem Jubel übte damals Stimmspezialist Jürgen Kesting Kritik. "Die hat man vor mir versteckt." Auch beim Thema Grenzen der Vermarktung bleibt Anna Netrebko locker. In ihren Videoclips im Stil von Madonna und Michael Jackson sieht sie einen neuen, modernen Zugang zur Opernmusik, "es ist doch kein Crossover". Aber, wenn es ihr zuviel wird, mit den Interviews, "dann sage ich nein. Ich kann auch den Star spielen." Und den Rummel doch auch genießen? Dazu fällt ihr ein russisches Sprichwort ein: "Ob du willst oder nicht, du musst schlafen, junge Schönheit, egal mit wem." http://www.merkur-online.de/nachrichten/kultur/kunstakt/282,235576.html
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Wie ist das zu erklären, daß ein relativ anspruchsloser Film wie "Mona Lisas Lächeln" am Ende insgesamt griffiger, besser gemacht daherkommt als ein viel ambitionierterer wie "Blueprint", der mir persönlich zwar besser gefiel als der übel zurichtenden Kritik, aber insgesamt eben typisch deutsch holpert, wo lovely Julia mit ihrem Herz-Schmerz-Gesicht - es ist ja beileibe nicht nur das Lächeln! - alle möglichen Knackstellen legatissimo zusammenkittet?

Da wirkt die ambitionierte running Franka leider - bei allem Respekt vor Leistung und Schauspielkunst - eben doch nur wie die Blaupause gegenüber dem Original. Vielleicht war es ein Fehler, "Blueprint" nur auf sie allein als Star auszurichten; mir gefiel, daß ein ernstes und wichtiges, zudem sehr aktuelles Thema ziemlich seriös 'durchgespielt' wurde - ohne futuristische Spielereien wie bei Spielberg (AI z.B.). Die Frage aller Fragen: letztlich ist auch ein Klon eben ein Individuum - wie identisch auch immer mit dem Original: sie/er tritt selbst ins Leben, hat ihr/seine eigene Umwelt, ihre/seine eigenen Freunde, ihr/sein eigenes Liebesleben. Schön die Pointe des kanadischen Sägewerkbesitzers, der die Mutter nicht kennt: "Für mich bist du das Original!".

Tja, für den gemeinen Kinogänger ist eben trotzdem Julia Roberts das Original - wie kitschig auch immer, ihre Filme haben einen eigenen schönen Charme. Und gut gemacht, eben legatissimo, sind sie fast immer - nirgends Stolpersteine, alles sieht schön aus, alles perfekt gedreht, der Star leuchtet gediegen. Ein entspannter Abend. Muß ich um Nachsicht bitten?
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Dirigentinnen...
Einen schönen Artikel hat Chr. Lemke Matwey im TAGESSPIEGEL veröffentlicht, zu dessen Prognose mit den 961 Jahren jedoch eine hübsche Ergänzung notwendig ist: es wird erzählt - und ich hoffe sehr, die story ist wahr! - das Simone Young, die künftige Hamburger Chefin, ihr Debüt in Wien am Pult (mit einer Puccini-Oper) gegeben haben soll kurz vor dem unter großem öffentlichen Druck herbeigeführten Beschluß der Philharmoniker, nun also doch Frauen aufnehmen zu wollen.
Nicht genug damit, daß eine Dirigentin somit eher vor (in diesem Fall korrekterweise) dem Staatsorchester stand, als Frauen bei den Philharmonikern mitwirken durften (im Staatsorchester, was im Prinzip auch die Philharmoniker sind, soll es bisweilen schon welche gegeben haben; dort wurden die Regularien weniger strikt gehalten; die Wiener Philharmoniker als Verein gibt es nur außerhalb des Wiener Orchestergrabens). Nein, die geschätzte Kollegin soll auch noch im 8. Monat schwanger gewesen sein!
Mann stelle sich vor - da steht eine hoschschwangere Lady und leitet ein Orchester, in das de facto keine Frauen hineindürfen.
Dieweil wird der kultig gefeierte Sir Simon (Rattle aus Berlin) in Wien mittlerweile mächtig gezaust. Die PRESSE, Wiens konservatives Blatt, geht dabei noch recht pfleglich mit dem Maestro um. Von einer Regionalligamannschaft hingegen spricht der Standard - starker Tobak. Vielleicht muß hier mal eine Frau das Ruder übernehmen! Ein einziges Konzert im goldenen Saal wird doch noch nicht den Untergang des Abendlandes einläuten? Und dann dauert es auch keine 961 Jahre mehr bis zum ersten weiblich geleiteten Neujahrskonzert - und die Kameras werden genüßlich die Chefin vorne filmen; Einsparungen am Set sind also gleich mit inklusive.
By the way: in den deutschen Orchestern werden z.Zt. mancherorts die Garderoben getauscht. Die früher von Männern benutzten großen Räume gehen nun an die Frauen, deren es in verschiedenen Stimmgruppen inzwischen mehr gibt als Männer. Einziges Problem: die Damen zanken sich etwas zu viel, einige wollen nicht zusammen mit bestimmten anderen (verbürgte Nachricht von zwei Opernhäusern - keine Namen!).
Nichtsdestotrotz: die Zukunft des Musik(er)berufes wird weiblich sein! Einschlägige junge Orchester, in meinem Fall z.B. das Bayerische Landesjugendorchester, das Orchester des Richard-Strauss-Konservatoriums in München und das nun übernommene Hochschulsinfonieorchester in Dresden bestehen zu 51 - 66 Prozent aus jungen Frauen.
Wollen die dann von Damen oder Herren geleitet werden?
Wir (Männer!) gehen paradiesischen Zeiten entgegen!
PS: nur zur Klarstellung - ich unterstütze meine Kolleginnen, wo immer es mir möglich ist und habe auch eine Schülerin. Die Diskussion allerdings um das "vernetzte" Interpretieren bzw. Denken der Damen und das "stufige" der Männer kann ich nicht nachvollziehen. Weder entdecke ich bei den Frauen signifikant vernetzte Elemente, noch bei den Herren das Gegenteil. Von meiner eigenen Person will ich hier schweigen, denn meine Eigeneinschätzung kann natürlich völlig danebenliegen.
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DOGVILLE
3.12.03

Der Besuch des Films DOGVILLE muß nun hier mit Verspätung kommentiert werden, da zunächst Trägheit (oder war es Stress?), später der myblog-GAU dazwischenkamen.
Ich war tief beeindruckt - ein nahezu perfektes Kunstwerk, artifiziell und ästhetisch auf allerhöchstem Niveau, dazu handwerklich erschreckend sauber. Form und Inhalt in einer Leichtigkeit im Einklang, die nur staunen macht. Allein die Optik: die Beleuchtung und Ausleuchtung von Gesichtern, Nebel über Dogville, Schnee in D. usw. usf. - gerade für diese Naturdinge wirkte die Studioatmosphäre (wir Theatermenschen denken gleich an Probebühne...) in einer Weise verfremdend, die das Naturereignis umso durchdringender wirken ließ. Wie einfach es doch geht!
Aber nun erst der Stoff!
Die versammelte deutsche Kritik hebt ja auf eine Parabel auf Amerika ab, was ja zum Teil auch stimmen mag, aber so kleingeistig ist, wie eben deutsche Kritik sich oft gibt: Ihr Lieben - wir alle sind mit diesem Stück gemeint! Und das Gemeine dabei: ich kann das Stück nur als eine Umdrehung des Neuen Testaments verstehen. Dort schickt Gott Vater seinen Sohn unter die Menschen, die ihn kreuzigen und von dannen ziehen, nachdem einer der innigsten Freunde ihn noch verraten hatte. In Dogville gibt es auch den Vater: das ist aber kein barmherziger Schöpfer, sondern ein Gangster. Er schickt seine Tochter (!!) (wie gewollt oder ungewollt steht dahin) nach Dogville - Nicole Kidman als engelhafte Unschuldserscheinung mit unerfüllbaren Idealen im Kopf. Sie wird Opfer, fertig gemacht, vom besten Freund grausamst verraten; dann die Begegnung mit dem Vater (dramaturgisch ein Knüller!), der, anders als im NT sein Kind nicht allein läßt, sondern ihm zwar Arroganz vorwirft (was auch in die Gegenrichtung geschieht!), ihr aber die gewünschte Macht verleiht, die jene dazu nützt, das Dorf (die Menschheit) niederzumähen. Das ist geradewegs das NT spiegelverkehrt erzählt. Umwerfend! Erschütternd und bestürzend und von aufrüttelnder Kraft, gerade durch den vermeintlichen Pessimismus. Und dazu noch der fiese Trick, daß eine Erzählerstimme durch den Abend führt, die, verdammt noch mal, wie die in AMELIE klingt... Absicht?
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